Brexit auf masurisch

Notizen aus der Provinz

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Brexit: Großbritannien tritt aus der EU aus, Foto: © CC0 Public Domain

Brexit: Großbritannien tritt aus der EU aus, Foto: © CC0 Public Domain

Nun ist es geschehen, Großbritannien wählt den Ausstieg aus der EU. Damit werden die Albträume zahlreicher Einwanderer in Großbritannien wahr. Eines der Themen, die überaus emotional aufgeladen diskutiert wurden und größtes Angstpotenzial der EU-Gegner war die Migration.

Das wussten auch Małgorzata und Patryk, ein junges polnisches Paar aus der Gegend von Olsztyn, der Hauptstadt der Woiwodschaft Ermland und Masuren. Beide sind polnische Staatsbürger und Arbeitsmigranten. Sie zählen zu den Hochqualifizierten und haben beide einen Hochschulabschluss mit nach Großbritannien gebracht. Patryk ist IT-Fachmann, Małgorzata hat sich mit Ihrem Wirtschaftsabschluss auf Internetmarketing spezialisiert. Wir gingen beide – damals noch unabhängig voneinander – dort hin, wo die Arbeit war, erklärt Patryk. Für sie sei es eigentlich nur ein Informationsbesuch, fügte Małgorzata an. Sie rannte in England offene Türen ein und fand sofort einen Job und mit dem Arbeitsplatz im gleichen Projektteam auch ihren Patryk.

Zwar habe sich die Arbeitslosigkeit in der strukturschwachen Region Ermland-Masuren leicht verringert, doch stehe die Woiwodschaft Ermland-Masuren mit 16,5% immer noch em Ende de polnischen Arbeitslosenstatistik, habe das Woiwodschafts-Statistikamt in Olsztyn für das erste Quartal 2016 festgestellt erklärt Małgorzata. Doch zeige die Region kein einheitliches Bild. Im Bereich Olsztyn und im Kreis Iława liege die Arbeitslosigkeit nur bei 6-7%, das sei kaum mehr als in Warschau. In den Kreisen Elbląg, Bartoszyce, Braniewo, Lidzbark Warmiński, Kętrzyn, Pisz und Węgorzewo liege die Arbeitslosigkeit zwischen 22 und 27 %. Besonders treffe das die niedrig Qualifizierten, die zu 31% keinen Job hätten. Zwar seien nur 9% der jungen Hochgebildeten ohne Arbeit, doch fonden die Beschäftigten in der Region vor allem Jobs in prekären Arbeitsverhältnissen, die maximal auf ein Jahr begrenzt seien und es so sogar unmöglich machen würden, eine eigene Wohnung zu beziehen, denn Inhabern von Einjahresjobs gibt keine Bank der Welt einen Kredit für den Wohnungskauf, Mietwohnungen gäbe es ja in Polen kaum. Da seidie Auswanderung für immer oder zumindest die Arbeitsmigration doch die logische Folge beschließt Małgorzata ihre kleine Vorlesung über die Verhältnisse in der Heimat.

Ich traf die beiden vor knapp zwei Wochen in Masuren. Sie waren nicht zum normalen Sommerurlaub zu ihren Familien „nach Hause“ gekommen, wie sie Ihre Heimatstadt auch nach fünf und sechs Jahren im Vereinigten Königreich noch nennen. Sie kamen, um im Kreis der Familie zu heiraten. Kennengelernt haben sie sich in England, als Małgorzata in die gleiche Firma eintrat, in der Patryk schon seit einem Jahr arbeitete. Sie leben seit über vier Jahren zusammen und haben sich mit der Hochzeit Zeit gelassen, bis sie sich als gläubige Katholiken sicher waren, dass „es passt“.

Noch war der drohende Brexit gedanklich beiseitegeschoben, die Hochzeit war wichtiger. Dass sich da etwas geändert hatte, war nur wenige Tage nach der Hochzeit bei unserem nächsten Treffen in einem Café am See deutlich spürbar. Da war plötzlich eine Beunruhigung, vor allem der immer weiter eskalierende Wahlkampf entsetzte die beiden und sie begannen – Hochzeitsurlaub hin, Hochzeitsurlaub her – sich mehr und mehr um ihre Zukunft in Großbritannien zu sorgen. Die Hasskampagne gegen die Migranten begann, ihre Wirkung zu zeigen.

Patryk begann nervös an seinem noch kratzerfrei blinkenden Trauring zu drehen und sagte: „Wir kennen doch die Daten. Die Zahl der in Großbritannien lebenden Polen ist in nur einem Jahrzehnt zwischen 2001 und 2011 von knapp 60.000 auf etwa 600.000 gestiegen, heute dürften es fast eine Million sein. Seit dem EU-Beitritt von 2004 gilt nun einmal auch in Großbritannien die Freizügigkeit. Mann kann uns also nicht den Aufenthalt verwehren, solange das Land EU-Mitglied ist. Premier Cameron hatte den Briten schon 2010 versprochen, die Zuwanderung auf 100.000 jährlich zu beschränken, ohne den Briten zu sagen, wie er das machen wollte. Bisher waren es immer fast 180.000 Neueinwanderer. Für mich ist Cameron daher ein Teil des Problems und nicht der Lösung,“ kommentiert Patryk. „Ja, nun soll der Brexit die Kontrolle über die Zuwanderung zurückbringen“, fügt Małgorzata hinzu. „Es stimmt einfach nicht, was von den Brexitbefürwortern behauptet wird,“ meint Małgorzata. Die Polen seien keineswegs Sozialschmarotzer, sie würden weit mehr in das britische Sozialsystem und die Steuerkassen einzahlen, als sie herauszögen, ergänzt sie.

Trotz aller Bedenken macht das frisch gebackene Ehepaar in Zuversicht und glaubt nicht wirklich daran, dass die Briten den Brexit wählen könnten. Wir verabreden uns auf ein Telefongespräch per Skype am Tag nach dem Referendum.

Als ich heute am Vormittag anrief und mit den beiden redete, zeigten sie sich am Boden zerstört, denn sie hatten nie wirklich damit gerechnet, dass die Briten die EU verlassen. „Was wird denn nun aus uns? Gott sei Dank haben wir heute frei und können erst einmal unsere Gedanken sortieren. Was wird mit unserem Aufenthaltsstatus,“ fragen sie sich. Werden sie ausgewiesen? „Wenn die alle Osteuropäer vor die Tür setzen, machen Tausende von Firmen wie unsere bald zu. Woher sollen die so schnell Fachleute wie uns finden,“ fragt sich Patryk. Małgorzata ergänzt „Wir haben doch auch geheiratet, weil wir nun Kinder wollen, und hatten uns gedacht, so lange bis unser ältestes Kind dann in die Schule muss, wollten wir auf jeden Fall hierbleiben. Bevor die Kinder einmal im britischen Schulsystem landen, muss man sich endgültig zwischen Polen und England entscheiden und so wollten wir das handhaben. Und jetzt? Nehme ich erst einmal die Pille weiter. Kinder sollten in gesicherten Verhältnissen aufwachsen.“

Auf meine Frage, ob sie schon konkrete Zukunftsüberlegungen haben, meinten die jungen Polen, sie hätten beide über die britische Staatsangehörigkeit als Bleibemöglichkeit nachgedacht, doch käme das für sie nur bei einer Entscheidung für einen Verbleib in Britannien bis zum Rentenalter oder ganz auf Dauer in Frage, meinte Patryk. Zumindestens hätten sie beide die Kriterien für einen erfolgreichen Antrag auf Einbürgerung erfüllt.

Ein weiteres denkbares Szenarium für die beiden wäre ein Wechsel nach Irland oder nach einer schottischen Unabhängigkeitserklärung nach Schottland, ergänzt der Informatiker. „Uns geht es bei einem Ausweichen in ein anderes Land auch um die Sprache, denn wir sprechen beide fließend englisch und haben da keine Probleme“.

Im Moment sind Małgorzata und Patryk völlig verunsichert und werden sich nun erst einmal mit anderen polnischen Einwanderern im polnischen Pub austauschen. „Uns hat der Brexit gerade den Boden unter den Füßen weggezogen“, meint das junge Ehepaar, „aber wir sind Polen uns fällt schon etwas ein, und das bedeutet: Nie damy się, wir lassen uns nicht unterkriegen.“

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