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Ełk: Wenn in Masuren die Volksseele kocht

Hohe Medienpräsenz: Der Aufruhr in Ełk (Lyck), Foto: © TVP INFO/Youtube

Im masurischen Ełk (Lyck) kam es in der Silvesternacht zu einem Streit im örtlichen Kebap-Imbiss. Ein junger Pole stahl zwei Getränke und verließ das Lokal, Der tunesische Koch und ein algerischer Mitarbeiter stellten den Dieb. In der folgenden Auseinandersetzung tötete der Tunesier den Polen mit zwei Messerstichen.

Es geschah in Ełk (Lyck), in der tiefsten polnischen Provinz. Dort, wo Masuren gern am beschaulichsten ist. Es geschah in einer Idylle, die vermeintlich immer schon im Rücken der Geschichte lag, wie es schon der Schriftsteller Siegfried Lenz sah, der als größter Sohn der Stadt gilt. Und es geschah in einer Region, in der es kaum Ausländer, geschweige denn eine nennenswerte Zahl von Muslimen gibt.

Aus einem Diebstahl wurde zuerst ein Tötungsdelikt und später Pogromstimmung in der Stadt. Der rechte Mob versammelte sich vor dem Kebap-Imbiss, rasch waren auch über 200 „besorgte“ Bürger vor Ort, die dem Mob lauthals Beifall zollte.

Wie war das geschehen? Am Silvesterabend war es im Imbiss „Prince Kebap“ in der ul.Armii Krajowej im Stadtzentrum zwischen zwei Polen und zwei der vier Mitarbeitern des Kebap-Imbisses zum Streit gekommen. Die Auseinandersetzung ging um zwei nicht bezahlte Getränke. Nachdem einer der beiden Polen einen Feuerwerkskörper in das Restaurant geworfen hatte, verlagerte sich die eskalierende Auseinandersetzung nach draußen. Der tunesische Koch und der aus Algerien stammende polnische Staatsbürger und Besitzer des Imbisses folgten den beiden Polen und stellten sie. Der 26-jährige tunesische Koch des Kebap-Imbisses tötete einen der beiden Polen, einen 21-jährigen jungen Mann, dessen Vorname mit Daniel angegeben wird, mit zwei Messerstichen. Die in der Polizei schritt schnell ein und verhaftete den Täter, den Restaurantbesitzer und einen marokkanischen sowie einen weiteren algerischen Mitarbeiter des Imbiss-Restaurants. Insoweit war die Situation also geklärt, die Lage unter Kontrolle und der mutmaßliche Täter gefasst.

Nicht etwa spontan sofort, sondern erst am Neujahrsvormittag trat die „besorgte Bevölkerung“ aus „Sorge vor terroristischen Anschlägen, wie in Paris, Nizza und kürzlich in Berlin“ in Aktion, wie Polens Innenministers Mariusz Błaszczak die Lycker Pogromstimmung umschrieb. Etwa 200 dieser besorgten Bürger versammelten sich auf der anderen Straßenseite vor dem „Prince Kebap“, skandierten fremdenfeindliche Parolen und zollten den mit Kapuzen und Schals vermummten meist jugendlichen Randalierern Beifall, die das Lokal zerstörten, Böller warfen und die Polizei attackierten, die dann Pfefferspray einsetzte.

Der „besorgte Bürger“ stand dabei immer nur einen Steinwurf entfernt auf der anderen Straßenseite und befeuerte die Aggression verbal. Etliche der Randalierer trugen Armbinden der rechtsradikalen ONR (Oboz Narodowo-Radykalnego, Nationalradikales Lager), andere Kapuzenjacken und Kappen mit der Aufschrift „Find’em and Kill’em”, die sie als Hooligan-Fans von Jagiellonia Białystok auswiesen. Derzeit wird auch untersucht, ob das Opfer Verbindungen zu den Hooligans oder der ONR hatte.

Auch am darauffolgenden Tag kam es zu weiteren fremdenfeindlichen Unruhen in Ełk, ein weiterer Imbiss des aus Algerien stammenden eingebürgerten Besitzers des „Prince Kebap“ und die Wohnung des Tunesiers wurden demoliert, zwei Polizisten wurden verletzt. Die örtliche Polizei forderte Verstärkung an, selbst die Militärpolizei half mit. Insgesamt kam es im Zusammenhang mit dem Gewaltausbruch bisher zu 25 Verhaftungen.

Bürgermeister Tomasz Andrukiewicz erklärte zu den Ausschreitungen, was in Ełk geschehen sei, habe seine Grundlage in der in ganz Europa herrschenden Migranten gegenüber feindlichen Stimmung und rief die Bürger zu Besonnenheit und Ruhe auf. Ähnlich äußerte sich Bischof Jerzy Mazur im Radio. Man bitte um das Licht des Heiligen Geistes, damit man lerne das Problem der Migration und Lösungen ohne Gewalt zu verstehen.

Auch wenn die den Unruhen vorausgehende tat aber auch so gar nichts mit islamistischem Terror zu tun hatte: Die Regierung sieht sich dennoch durch den Vorfall von Lyck in ihrer Haltung gegen Migranten, Flüchtlingsaufnahme und den Islam bestätigt.

Das politische Wochenmagazin „Polityka“ sieht die aggressive Wortwahl und Stimmungsmache seitens der PiS-Regierung und zumindest Teilen des katholischen Klerus in Polen als verantwortlich für die Pogromstimmung in Ełk. Derzeit würde wie beim Pogrom von Kielce 1946 nur ein Funken genügen, um, damit die „Massen“ die „anderen“ attackieren, liest man dort. Tatsächlich erinnern die Vorfälle an Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen, als sich latente Fremdenfeindlichkeit gewaltsam Bahn schlug und Hunderte Bürger Beifall johlten.

In Ełk hatte also ein Tunesier einen Polen getötet, die Volksseele wollte Rache, sah in Migranten generell und im unter Generalverdacht stehenden Islam sowie den „wie man ja weiß“ allesamt gewalttätigen Muslimen eine Gefahr für Polen.

Das Opfer des Zusammenstoßes war ein 21-jähriger junger Mann, dessen Vorname mit Daniel angegeben wird. Mit einem Begleiter beleidigte und provozierte er die Beschäftigten des Imbisses am Silvesterabend und stahl dann zwei Getränke. Er war keineswegs der nette Junge von nebenan, sondern ein gerichts- und polizeibekannter, mehrfach vorbestrafter Kleinkrimineller. Niemand half ihm, niemand schritt ein. Die Welle der Empörung ließ die Volksseele erst kochen, als klar war, dass das Opfer Pole und der Täter Tunesier war. Erst einmal feierte man Silvester.

Am Neujahrstag dann hatte es sich herumgesprochen, dass ein Tunesier einen Polen erstochen hatte und nun versammelten sich Hunderte auf der Straße vor dem „Prince Kebap“.

Längst liest man in den Sozialen Medien vom Alltag im „Kebap Prince“ und darüber, welche unsäglichen verbalen Ausfälle und rassistischen Sprüche sich die Betreiber und Mitarbeiter des Imbisses von ihrer Kundschaft gefallen lassen mussten. Das Portal natemat.pl zitiert einen Einwohner von Lyck, der nur kurze Zeit vor dem Vorfall am Silvesterabend im „Prince Kebap“ war. Der Imbiss sei gut besucht gewesen, einige der Gäste seien bereits deutlich alkoholisiert gewesen. Über die Stimmung im Imbiss berichtet der Lycker Bürger:

„(…)posyłali raz po raz obraźliwe słowa w kierunku pracowników. Jakie? Ano np. „Dawaj kur*o to jedzenie, tylko nie pluj, bo ci tym mordę wysmaruję“, albo „Ciapaku na kolana i do pana”. Mimo tych uwag, pracownicy w milczeniu pracowali dalej“. (Zitat: natemat.pl)

Man habe eins ums andere Mal Sprüche in Richtung der Mitarbeiter des Imbisses gehört wie: „Gib das Essen, Hurensohn!….“ oder: „Ciapaty auf die Knie und zum Herrn!“ (Ciapaty ist eine ursprünglich aus Hindi stammende abfällige Bezeichnung des Kolonialslangs für einen Pakistaner oder andere dunkelhäutige Menschen). Auch mit Wörtern wie „brudas“oder in der Mehrzahl „brudasów“ (Schmutzfink), die ebenfalls überaus abfällige Bezeichnungen für dunkelhäutige Menschen aller Art sind, waren Standard in der Ansprache an das Personals. Während all dieser Erniedrigungen arbeiteten die vier Mitarbeiter – zwei Tunesier, ein Marokkaner und ein Algerier – still weiter.

Er wolle die Tat in keiner Weise rechtfertigen, doch gab er zu bedenken, dass die Situation ohne die Vorgeschichte vielleicht nicht dermaßen eskaliert wäre. Natürlich hätte die Belegschaft die Polizei rufen können und nichts rechtfertige einen Mord. Doch gab er zu bedenken, wie ihn selbst der Ton, der im Imbiss herrschte, entsetzt habe.
Der Lycker Bürger erklärte bei natemat.pl, er sei selbst für die Begrenzung des Zustroms von Flüchtlingen und Migranten nach Europa und Gegner der diesbezüglichen Politik von Berlin und Paris. Doch sähe er in dem tödlichen Vorfall nicht die Tat eines grundsätzlich gewalttätigen Arabers, sondern eines Mannes, der beleidigt und schikaniert wurde und dem deshalb die Nerven durchgingen. Es sei einfacher, eine Haltung einzunehmen, in der Polen Märtyrer sind, und die Fremden Eindringlinge und Aggressoren.

Zu den Fakten: In ganz Polen leben 370 gemeldete Tunesier mit langfristigem Aufenthaltsstatus, 235 Syrer, 199 Pakistaner, 178 Marokkaner, 48 Libyer und 418 Ägypter. Bei einer Gesamtbevölkerung von 1,42 Millionen Einwohnern in der Woiwodschaft Ermland-Masuren gibt es dort 1.500 Ausländer mit langfristiger Aufenthaltserlaubnis. Unter diesen registrierten Ausländern haben 317 eine Arbeitserlaubnis. (Zahlen: Polnisches Statistisches Hauptamt GUS)

Tatsächlich also ist es so, dass den Einwohnern der Region Ausländer in der Regel nur als Touristen begegnen. Kaum ein Ermländer oder Masure ist in seiner Heimat schon einmal einem südländischen oder dunkelhäutigen Menschen begegnet. Und dennoch gelingt es den rechtsnationalen Kräften um die regierende PiS, Ängste vor Menschen zu schüren, die fremd aussehen oder aus islamischen Ländern kommen.

So ist dieser Ausbruch von Fremdenfeindlichkeit auch ein Lehrstück: So etwas passiert, wenn plötzlich der Grundwerte-Kanon außer Kraft gesetzt wird.

Video des polnischen Fernsehsenders TVP INFO über die Ereignisse in Ełk:

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