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Ludwig Passarge und die Weichselbrücke von Dirschau (Tcew)

Weichselbrücke Dirschau / Tczew, Foto: Brigitte Jäger-Dabek

Dirschau (Tczew) und der Weichselübergang

Knapp 40 km südlich von Danzig liegt weithin sichtbar Tczew, das früher Dirschau am hohen Ufer der Weichsel. Seit wenig mehr als 150 Jahren gibt es die Weichsel- und Nogatbrücken bei Dirschau erst und doch wurden sie schnell zum Inbegriff von Heimat. Immer war es schon so: Wer nach langer Fahrt am hohen Ufer der Weichsel die Eisenbahnbrücke von Dirschau im Dunst auftauchen sah, hatte es bald geschafft. Wenn der Zug gen Osten über die Dirschauer Eisenbahnbrücke gerumpelt war, noch eben über die Nogat, an der Marienburg vorbei und endlich war man wieder in Ostpreußen.

Seit 1308 Dirschau mit seiner großen Nachbarin Danzig an den Deutschen Orden kam, ist seine Geschichte eng mit Danzig verbunden. Bekannt und bedeutend aber wurde Tczew (Dirschau) durch seine Weichselbrücken. Im Jahre 1857 wurde hier nach sechsjähriger Bauzeit erstmals eine Brücke eingeweiht Die Gitter-Bogenbrücke war ein viel bestauntes technisches Meisterwerk, dem sogar Schriftsteller wie Louis Passarge (1825–1912) ihre Aufmerksamkeit widmeten. Die 837 m lange kombinierte Straßen- und Bahnbrücke war damals die längste Brücke Nordeuropas. Nun konnte die Ostbahn gebaut werden, die dann auch Königsberg mit Berlin verband.

Das Verkehrsaufkommen entwickelte sich rasant, und bereits 1891 wurde eine neue Eisenbahnbrücke direkt neben die alte gesetzt, die nun zur Straßenbrücke wurde. Nach dem Versailler Vertrag kam Tczew zu Polen und wurde Grenzbahnhof. Beide Brücken wurden am 1. September 1939 um 6:40 Uhr vom abrückenden polnischen Militär gesprengt, nachdem ein deutsches Kommandounternehmen Stunden vor Kriegsbeginn scheiterte. Die ersten Bomben auf den Sprengunterstand fielen vor den ersten Schüssen der Schleswig-Holstein, die ersten polnischen Toten waren noch früher die ermordeten Streckenposten. Die erst 1935 im Zuge der geplanten Autobahnverbindung nach Königsberg gebaute neue Brücke wurde 1945 gesprengt und später wiederaufgebaut.

Passarges Beschreibung der Dirschauer Brücke

Mit der Beschreibung eben dieser Dirschauer Brücken beginnt Ludwig Passarge sein 1857 erschienenes Erstlingswerk „Aus dem Weichseldelta“, ein Band mit kurzweiligen Reiseeindrücken aus dem Danziger Umland.

Ludwig Passarge wurde am 6.8.1825 als Gutsbesitzersohn in Wolittnick im Kreis Heiligenbeil geboren. Nach dem Besuch des Friedrichskollegs in Königsberg studierte er ab 1844 Jura, zunächst in Königsberg, die letzten beiden Semester in Heidelberg. Wegen seiner exzessiven Reiselust kam er erst spät in eine gesicherte berufliche Position. Passarge hatte selbst kaum noch daran geglaubt und meinte, dieser Zug des Lebens sei für ihn abgefahren, wie das Vorwort zu seinem ersten Buch verrät. Ab 1856 wurde er dann zunächst als Kreisrichter in Heiligenbeil tätig. Er blieb sein ganzes Erwerbsleben lang bei der Juristerei, genau wie seine Schriftstellerkollegen E.T.A. Hoffmann und Ernst Wichert, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. Seine weiteren beruflichen Stationen waren ab 1877 Insterburg und von 1879 an Königsberg, wo er bis zu seiner Pensionierung 1887 wirkte. Die Tätigkeit des Richters sicherte zunächst die Existenz und beinhaltete als angenehme Dreingabe genügend Muße zum Schreiben und freie Zeit für Reisen.

Er brauchte diese Zeit, denn Reisen war seine Leidenschaft. Seine Reiseeindrücke schrieb er dann in Form des Reisefeuilletons nieder. Eben diese Reiseerzählungen waren seine große Stärke, und literarisch von hohem Rang.

Ludwig Passarge – Einer der frühen Reiseschriftsteller

Passarge war Schriftsteller, aber kein Dichter, eher ein Reporter, ein Meister der Landschaftsdarstellung und des Reiseberichtes, der seine Leser mit auf die Reise nahm und seine Erlebnisse mit ihm teilte. Seine Novellen, Balladen und Gedichte stehen dem qualitativ deutlich nach.

Das Reisefeuilleton hatte Mitte des 19. Jahrhunderts seine hohe Zeit, als die Literatur zum Realismus zurückkehrte und Autoren wie Fontane dem Reportertum huldigten. Passarges Erstling erschien sieben Jahre vor Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und braucht genau wie seine 1878 erschienenen Reiseskizzen „Aus baltischen Landen“ den Vergleich mit diesem nicht zu scheuen.

In letzterem Werk wie auch in seinen „Strandbriefen“ erbrachte Passarge eine der ersten anschaulichen Schilderungen der grandiosen Dünenlandschaft sowie der Lebensgewohnheiten der Bewohner der Kurischen Nehrung und des Samlandes. Er weckte damit gerade in Künstlerkreisen ein Interesse an dieser Landschaft und ihren Menschen. Seine Reisen führten ihn schon früh immer wieder heraus in die Ferne nach Italien, Spanien und Portugal, auf den Balkan und nach Skandinavien.

Dort kam er mit den Arbeiten Henrik Ibsens (1828-1906) und Björn Björnsons (1832-1910) in Berührung, deren Werke er ins Deutsche übersetzte und so überhaupt erst dem deutschen Publikum nahe brachte. Eine weitere Großtat Passarges war die Neuübersetzung des Gesamtwerkes von Christian Donalitius aus dem Litauischen.

Seine Übersetzungen offenbaren dabei eine weitere große Begabung Passarges, nämlich die kongeniale Übertragung von Sprachstil und Atmosphäre der Dichtungen in die deutsche Sprache.

Für Ostpreußen besonders bedeutsam waren seine 1903 erschienenen Lebenserinnerungen „Ein ostpreußisches Jugendleben“, die eine bildhafte Beschreibung des Lebens in der ostpreußischen Provinz darstellen. Sie stehen damit in logischer Folge seiner Reisebeschreibungen, die ja sowohl ein lebendiges Bild der äußeren und inneren Zustände des Gesehenen sowie der damaligen Gedankenwelt sind.

 

Seine Heimatbeschreibungen hatten eine bewusst aufklärerische Intention, mokierte er sich doch immer wieder über die selbst in gebildeten Kreisen herrschenden abenteuerlichen Vorstellungen über Ostpreußen. Er zeichnete ein ganz anderes Bild seiner Heimat, stellte sie bei aller geografischer Abgeschiedenheit als offen und fortschrittlich dar.

 

Passarge lebte in einer Zeit des ungebrochenen Fortschrittsglaubens auf allen technischen Gebieten, was in seinen Werken Ausdruck fand. Über allen Kulturdenkmälern sah er die große Leistung menschlichen Geistes, ob es ein altes Bauwerk oder eine moderne technische Konstruktion war. Auch im modernen technischen Werk sah er die ihm eigene in die Zukunft weisende Ästhetik. Die Weichselbrücke bei Dirschau als beispielhafte Meisterleistung modernster Ingenieurkunst stellte er daher folgerichtig sowohl in ästhetischer Hinsicht als auch ihrer Bedeutung nach auf eine Stufe mit der Marienburg. Daher gab er ihrer Schilderung auch einen so großen Raum in seinem Erstlingswerk.

Mit dem Brückenschlag über Weichsel und Nogat war Ostpreußen zugänglicher geworden, über diese Brücke gingen viele Ostpreußen hinaus in die Welt.

Passarge tat dies auch, Reisen war ihm ein Bedürfnis und er nannte sich selbst einen Vagabunden. Dabei betrachtete er das Vagabundieren als Geisteshaltung. Sein unruhiger Geist trieb ihn nicht in die Fiktion der Dichtung sondern hinaus in die Welt, die er den Daheimgebliebenen zu erklären suchte.

Seine Heimat Ostpreußen, die er innig liebte, blieb für ihn Wurzel, die ihm Bodenhaftung gab. Den Hang zum Vagabundieren, zum Erkunden fremder Länder und Menschen gab wohl er an seinen Sohn Siegfried weiter, der ein berühmter, weitgereister Geograph wurde.

Vieles, was Passarge beschrieb gibt es nicht mehr, ist unwiederbringlich verloren. Sogar die Weichsel wälzt sich heute meist träge dahin, wo sie vor nicht einmal zwei Jahrhunderten als zuweilen reißender Strom noch zu abenteuerlichen Überquerungen nötigte.

Dies alles literarisch bewahrt zu haben, ist Passarges historische Leistung. Ludwig Passarge starb am 19.8.1912 in Lindenfels im Odenwald, auf Reisen, beim Vagabundieren, wo sonst.

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