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Masurische Gesellschaft veranstaltete 25. Kultur- und Begegnungsfest in Krutyń

Tadeusz Willan und Joanna-Wankowska-Sobiesiak, Foto: (c)B.Jäger-Dabek

Tadeusz Willan und Joanna-Wankowska-Sobiesiak, Foto: (c)B.Jäger-Dabek

Vom 31. Mai bis zum 2. Juni fand im masurischen Krutinnen (Krutyń) im Hotel Habenda das 25. Kultur- und Begegnungsfest statt. Grußworte entrichteten Wiktor Marek Leyk, Joanna Wańkowska Sobiesiak sowie der Kulturbeauftragte Zdzisław Fadrowski, der als Vertretung des Olsztyner Sejmikmarschalls Gustaw Marek Brzezin anreiste. Sie bestätigten der Masurischen Gesellschaft und ihrem Vorsitzenden Tadeusz Willan einen großen Beitrag zur Öffnung und Integration der Woiwodschaft Ermland und Masuren geleistet zu haben. Die Gesellschaft habe im großen Maß dazu beigetragen, das Bild einer vielfältigen und interkulturellen Woiwodschaft zu zeigen. Die Masurische Gesellschaft habe dabei die Einzelkulturen sichtbar gemacht, und so zum Erhalt des kulturellen Reichtums beigetragen – ob es nun die masurische, deutsche, polnische, weißrussische, ukrainische oder litauische Kultur oder Minderheit war. Die Masurische Gesellschaft habe immer über den eigenen Tellerrand hinausgesehen betonte der Kulturreferent der Woiwodschaft.

Das Vortragsprogramm eröffnete Prof. Dr. Zbigniew Chojnowski mit seinem Referat „Erwin Kruks Masurenland“. Der 1941 geborene masurische Schriftsteller Erwin Kruk sieht seine Position in der Literaturlandschaft als Erbe der masurischen Identität. Sein in sich auf Masuren zentriertes Werk habe nichts mit Folklore zu tun. Er habe seine Heimat nie verlassen, denn sein Credo sei: „Sei bei Dir, sonst verlierst Du Dich. Ethnizität war für ihn immer eine Frage des Drucks der jeweils Regierenden, wichtig ist für Kruk die Sprache, in der man betet. So sei sein Werk zuweilen von den dunklen Wolken über ihm geprägt. Es sei viel Autobiographisches dabei und oft drehen sich seine Werke um die Fragen woher er komme und wohin er gehe. Immer sei Kruk dabei durch die masurische Kultur inspiriert und spreche so auch über universelle Fragen stets mit dem masurischen Hintergrund, erklärte Prof. Chojnowski. Auf die Frage warum er bei seinem Detailwissen nie historische Romane geschrieben habe, habe Kruk ihm geantwortet, die Geschichte sei aufregender als jede Fiktion, also warum Geschichte imitieren?

Wiktor Marek Leyk berichtete anhand seines Familienstammbaums über das bewegende Schicksal der verschiedenen Zweige seiner Familie. Alle waren Masuren aus der Region Ortelsburg (Szczytno) und viele von ihnen wurden von den Stürmen der jüngeren Geschichte in alle Welt hinaus getrieben – mal aus Neugier, oft geschah es aus Not. Bis nach England, New York und das westliche Deutschland führten die Spuren. Sie waren Menschen, die durch das Rad der Geschichte gedreht worden sein, bis es am Ende hieß: Polen hat Masuren und Deutschland die Masuren, berichtete Wiktor Marek Leyk. Alle Mitglieder der näheren Familie wie der Eltern- und Großelterngeneration seien auf masurischen Friedhöfen beerdigt worden, doch gäbe es keine Gräber mehr. Alle sichtbaren Spuren scheinen getilgt, wie vom Wind fortgeweht.

Engelbert Miś, der Redakteur der deutschsprachigen Zeitung „Schlesisches Wochenblatt“ aus Oppeln berichtete in seinem Referat „25 Jahre deutsche Minderheit im Oppelner Schlesien“ von der schweren Nachkriegsgeschichte der in den einstigen Ostgebieten verbliebenen Deutschen und dem langen Weg bis zur Anerkennung als deutsche Minderheit nach der politischen Wende 1989. Ferner erzählte er vom Aufbau und den heutigen Aktivitäten des VDG (Verband Deutscher Gesellschaften) als Zentrale der deutschen Vereine und Gesellschaften in Polen.

Hanna Schönherr gab in ihrem Vortrag „Edward Małłek in den Spalten der Masurischen Storchenpost“ einen komprimierten Überblick über alles, was über Edward Małłek in der deutschsprachigen Kulturzeitschrift „Masurische Storchenpost“ erschienen ist. Auch Małłek war wie sein älterer Bruder Karol und viele andere Kulturaktivisten ein Mensch, der für die Polen ein Deutscher war und für die Deutschen ein Pole. Als evangelischer Masure wurde er zunächst Landrat in Neidenburg, bat aber rasch selbst um Entlassung und studierte evangelische Theologie. Noch vor Studienabschluss wurde er 1946 als Pastor nach Ełk (Lyck) entsandt, wo er weiterhin zugleich Masuren-Aktivist war, der die Zukunft Masurens in Polen sah. In der Masurischen Storchenpost wurde breit über Bedeutung und Wirken Małłeks berichtet sowie über den Weg, der zu seiner Ausreise nach Deutschland führte, wo er bis zu seinem Tod 1995 lebte.

Ein berührendes Kriegsschicksal stellte Maria Szczerbińska-Kosiel in ihrer Autorenlesung „Moje matki. Droga poszukiwania rodziny“ (Meine Mütter. Die Suche nach meiner Familie) vor. Das autobiografische Buch schildert ihre eigene Suche. Die Autorin beschreibt, wie sie entdeckte, dass sie ein adoptiertes Kind ist. Erst ihr Mann ermunterte sie zur Suche nach ihrer wahren Identität. Es stellte sich heraus, dass sie sie mit drei Jahren adoptiert worden war. Doch war sie kein polnisches Kind, die Spuren führten sie in ostpreußische Waisenhäuser. Dort war Maria Szczerbińska-Kosiel als Ryszarda Sznejer und zuvor als Reintraut Schneier registriert. Doch ein glückliches Ende fand die Suche nicht, denn letzte Gewissheit konnte Maria Szczerbińska-Kosiel nicht erreichen.

Katarzyna Danilewska stellte in ihrem Vortrag „Günter Schiwy und sein preußisches Masurentum“ das Werk des in Kreuzofen (Krzywe) bei Ortelsburg 1928 geborenen Günter Schiwy vor, der lebenslang ein Quell masurischer Geschichten und Überlieferungen war. Er verfasste Chroniken und eine umfangreiche Märchensammlung. Ein Text von Günter Schiwy gehörte viele Jahre lang auch in jede Ausgabe der „Masurischen Storchenpost“. Günter Schiwy, den Katarzyna Danilewska als preußischen Masuren bezeichnet, war eine wandelnde masurische Enzyklopädie und starb 2014 in Hannover.

Bischof Janusz Jagucki betitelte seinen Vortrag mit „Mein Vater, Pfarrer Dr. Alfred Jagucki“. Dr. Alfred Jagucki war als erster evangelischer Pfarrer 1945 in das Nachkriegsmasuren gekommen und leitete bis 1963 dort zwei Gemeinden in schweren Zeiten. Bischof Jagucki machte deutlich, was es seinerzeit für seinen Großvater bedeutete, ein Theologie-Studium zu finanzieren. Ein Bauer aus der Suwalszczyzna, der es schaffte zwei Kühe pro Studienjahr abzugeben, muss sehr gut gewirtschaftet und besonders viel Wert auf Bildung gelegt haben. Dr. Alfred Jagucki, der vom damaligen Bischof Juliusz Bursze persönliche geweiht worden war, bekam allein schon deshalb Probleme mit der Gestapo und wurde in die Wehrmacht zwangseingezogen. In seiner Zeit in Masuren wurde der Pastor Alfred Jagucki ein großer Halt in chaotischen und rechtlosen Zeiten, in denen eine Einheimischer nicht viel wert war.

B. Jäger-Dabek mit Bischof janusz Jagucki und seiner Frau, Foto: (c) B.Jäger-Dabek

B. Jäger-Dabek mit Bischof janusz Jagucki und seiner Frau, Foto: (c) B.Jäger-Dabek

Dr. Marianne Kopp lieferte in Ihrem Referat „Abschied von Königsberg. Vor siebzig Jahren – Literarisches und Biographisches“ einen besonders interessanten, weil unverstellten Blick auf die Zeit. Marianne Kopp hat die Briefe der Dichterin Agnes Miegel an Ina Seidel und einige andere Freundinnen, wie ihre spätere Biografin Anni Piorreck erforscht. Sie betreffen alle die letzten Wochen vor der Flucht aus Agnes Miegels Heimatstadt Königsberg. Sie berichtet an ihre Freunde von der sich zuspitzenden Lage aber auch von der Suche der Königsberger nach Normalität im Alltag. In der zeitlichen Abfolge erlebte der Zuhörer, wie das zunächst Undenkbare, ja fast Unaussprechbare immer näher kommt. Und bevor das Wort „Flucht“ auch nur ausgesprochen ist, muss auch Agnes Miegel fliehen und findet sich am vorläufigen Ende der Odyssee im Flüchtlingslager Oxbøl in Dänemark wieder. Und dennoch gelingt es der Dichterin immer wieder die erlebten Schrecken in Literarisches umzusetzen.

Prof. Janusz Małłek stellte in seinem Vortrag „Karol Małłek und Edward Małłek – zwei Brüder und zwei streitende evangelische Kirchen“ Leben und Werk seines Vaters Karol und dessen Bruders Edward vor. Karol Małłek – genannt der „König von Masuren“ – war aktiv für ein polnisches Masuren und gehörte zu den Köpfen der propolnischen Masurenbewegung im Soldauer Land. Unter anderem verfasste er 1946 die „Jutrznia mazurska na gody“, die masurische Frühandacht für den Weihnachtsmorgen und ein Masurisches Liederbuch. Karol Małłek war nach dem Krieg in Ukta undLeiter der Masurischen Volksuniversität. Wie sein Bruder hat auch Edward Małłek die Zukunft Masurens bei Polen gesehen, doch kämpfte am Ende um das Recht der Masuren auf ihr Heimatland, resignierte und zog nach Hamburg. Im Gegensatz zu Karol Małłek, der im Rat der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Masuren war, bekannte sich Edward zur Evangelisch-Methodistischen Kirche und wurde nach seiner Zeit als Starost in Neidenburg in Ełk (Lyck) als Pfarrer tätig, baute dort die Gemeinde auf und gründete ein Internat.

In ihrer Autorenlesung stellte Helga Tödt mit ihrem Buch „Die Kunst Marzipan zu machen. Lebensgeschichten ostpreußischer Frauen und ihre Kochrezepte“ nicht etwa nur traditionelle ostpreußische Gerichte, sondern vor allem die Lebensläufe der Rezeptsammlerin vor. Dreizehn Frauenschicksale aus allen Schichten der Bevölkerung zeichnen ein lebendiges Bild vom Frauenleben in vergangenen Zeiten.

Der Abschluss der Tagung gehörte wie es schon Tradition ist, den masurischen Märchen. Brigitte Nosek las Horst Michalowskis Märchen „Ein Sternenkind besucht die Erde“ vor, das später von der Theatergruppe I der Grundschule in Krutinnen unter der Leitung von Maria Grygo aufgeführt wurde. Die Theatergruppe II der Krutinner Grundschule führte „Die Froschprinzessin“ nach dem Text „Der masurische Volksglaube“ von Max Toeppen unter der Leitung von Ewa Dulna auf.

Das 25. Kultur- und Begegnungsfest der Masurischen Gesellschaft wurde mitfinanziert vom Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Danzig und vom Vorstand der Woiwodschaft Ermland und Masuren.

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