Am Rande Masurens – das Oberland

Westmasuren und Oberland Foto: B. Jäger-Dabek

Ostpreußen, dieses Wort nur, da hört man gleich die gemütliche, rundliche Oma aus der Nachbarschaft in ihrer behäbig breiten Mundart erzählen. Ostpreußen, da tauchen Bilder von Weite, Wäldern und Seen in uns auf, Bilder seltsam vertraut auch den Menschen, die dieses Land niemals sahen. Ostpreußen, Sinnbild der heilen Welt, der Weite irgendwo kurz vor Sibirien gelegen. Hinter dem Mond lag Ostpreußen in unserer Vorstellung, bewohnt von bedächtigen Menschen, die erst abwogen und nicht gleich alle Neuerungen annahmen, die in ihr Land schwappten. Eben Idylle pur. Doch, all das gibt es hier immer noch, nur da, wo dieses Bild Weite mit Ebene gleichsetzt liegt es schief.

Große Teile Ostpreußens, auch das Oberland ist hügelig, rundlich, mindestens in jeder zweiten Senke zwischen zwei Hügeln mit einem See, immer etwas verträumt wirkend, nicht als ob die Zeit stehen geblieben wäre, nein, mehr als ob die Zeit hier keine Bedeutung hätte.

Das Oberland erstreckt sich zwischen der Pasłęka (Passarge) und dem Weichseldelta etwa von Elbląg(Elbing) aus bis südlich Olsztynek (Hohenstein) und wird im Nordosten vom Ermland begrenzt. Ähnlich wald- und seenreich wie Masuren, gehört diese Landschaft aber zum baltischen Höhenrücken, der ganz Südostpreußen im Halbrund durchzieht. Eine Moränenlandschaft ist es, entstanden durch die Erd- und Geröllberge, die riesige Gletscher aus dem Norden gewaltigen Lawinen gleich, vor sich her schoben. Etwas großzügig wird diese Region heute „Westmasuren“ genannt.

Landschaftlich ist es so reizvoll wie Masuren. Abwechslungsreich ist die Gegend, es gibt fast ebenso viele, wenn auch kleinere Seen und die Wälder sind vielfältiger, oft Mischwälder mit hohem Laubbaumanteil, etliche wunderbare lichte Buchenmischwälder finden sich auch.

Ohne die pietistische Strenge des schachbrettartigen, platten Niederungslandes mit den abteilenden Entwässerungsgräben und den daran ausgerichteten Parzellen ist dieses wirklich ein Höckerland, barock rundlich, voller praller Formen und Farben.

Wenn man sich abseits der Städte mal ein Endchen dieses Landes erwandert, kommt der Eindruck der Weite dazu, hinter jeder Biegung ein neues Landschaftsgemälde, meist ein Idyll, nach ein paar Stunden hat man das Gefühl, dass sich all diese kleinen Bilder hinter der nächsten Kuppe in die Unendlichkeit der östlichen Steppen verlieren werden.

Schon Simon Grunau nannte dieses Land 1525 in seiner Chronik Höckerland, was so viel wie Hügelland bedeutet und genau das ist es auch, ein Hügelland. Hier finden wir auch Ostpreußens mit 313 m höchste Erhebung (Dylewska Góra), die Wzgórz Dylewskich (Kernsdorfer Höhen), ein Paradies zum Herumstreifen, durch richtige Täler, über bewaldete Kuppen und im Winter zum Skilaufen. Mitten im Urwald liegt verschwiegen der Jezioro Francuskie, der Fronzosensee. Seinen Namen erhielt er, als die Bauern aus der Umgebung Rache an den Franzosen nahmen für die Plünderungen, Brandschatzungen und Morde des Jahres 1807.Als die schwer geschlagene Napoleonische Grande Armee nicht mehr so groß war und von den Russen bis hierher gejagt worden war überfielen die Bewohner die Soldaten und warfen sie in diesen See.

Der Nationalpark Wzgórz Dylewskich ist meist menschenleer, gepflegte Wege, Rast- und Spielplätze sind umgeben von nahezu unberührter Natur und fast undurchdringlichen Urwäldern, wie sie der Deutsche Orden einst im ganzen Land vorfand, absolut das richtige Ziel für Naturbegeisterte und Wanderer.

Von Wysoka Wieś (Kernsdorf) aus kann man einen befestigten Weg bis fast ganz hinaufgehen, ja sogar fahren, denn auf der Höhe befindet sich eine Radiosendestation, in deren Nähe ein Parkplatz ist.

Der Ausblick von hier oben ist überaus lohnend und es ist so still hier, nur der Wind rauscht in den Bäumen, wiegt das Gras. Hier kann man zwischen flammendem Klatschmohn sitzend genießen, und schauen, schauen, Bilder des Friedens, der Ruhe in sich aufnehmen, verankern, für immer speichern.

Ein gutes Standquartier für den Touristen ist Ostroda, das Zentrum der Region. Hier gibt es Hotels und  Privatunterkünfte sowie eine bereits brauchbar gediehene touristische Infrastruktur. Zu dieser Kreisstadt mit rund 35000 Einwohnern gehören fünf Seen, von denen einer malerisch mitten in der Stadt liegt. Ostroda ist eine der Städte, die in den Wirren des Krieges Anfang 1945 besonders gelitten hat und in der Zeit bis zur politischen Wende 1989 wie in Agonie lag. Wer die Stadt aus der Zeit davor kennt, wird seinen Augen kaum trauen, so sehr hat sie sich verändert- zum Guten. Trotz aller Geldknappheit ist es gelungen, das unweit des Drewenzsees liegende Schloss von 1329 wieder aufzubauen und mit Leben zu erfüllen.

Im Schloss ist ein Regionalmuseum untergebracht, das die Geschichte der Region vermittelt- auch die deutsche. Weiterhin wird das gotische Backsteingebäude als kulturelles Zentrum genutzt. Im neuen Musiksaal finden gerade in den Urlaubsmonaten regelmäßig Konzerte statt. Besonders aber die vollständig renovierte Uferpromenade am Drwecko-See (Drewenzsee), die vom neuen Fünfsterne-Hotel & Resort Plaża vorbei am Stadtbad, dem Bismarckturm, dem Sportpark der Wasserskianlage und dem Hotel Willa Port  bis hin zum schönen Seesteg mit Pavillon laden zum bummeln und verweilen auf den zahllosen Bänken sowie den vielen Restaurants und Bistros ein. Hier spielt sich im Sommer, vor allem an den Sommerabenden das Leben ab, viel Live – Musik im nagelneuen Amphitheater, Kleinkunstveranstaltungen- ein fast mediterranes Ambiente.

Wer sich in Ostroda aus erster Hand über das Leben dort und die Geschichte informieren möchte, oder mal ohne Angst vor Sprachproblemen in einer Familie leben möchte, findet im Deutschen Haus in der u. Herdera jederzeit Ansprechpartner, während der Sommerzeit ist immer ein Deutsch sprechendes Mitglied anwesend. Sogar wohnen kann man hier, einige preiswerte Gästezimmer sind vorhanden, selbst Ferien auf dem Bauernhof vermittelt man hier gerne.

Aber auch außerhalb auf dem Land gibt es genügend Übernachtungsmöglichkeiten, beispielsweise das inmitten von Wäldern an einem See gelegene Hotel Anders in Stare Jablonki. Unterkünfte der etwas anderen Art sind das ebenfalls an einem See gelegene Schlosshotel Karnity oder der Gutshof Dworek, beides keinesfalls steif und feudal, sondern rustikal und familienfreundlich.

Dann gibt es da noch eine ganz besondere Sehenswürdigkeit in diesem Höckerland, den Oberlandkanal, der Elblag mit dem Oberland verbindet. Was für ein sonderbarer Wasserweg! Eine Zeit lang  fährt das Schiff auf einem Kanal, mal durchquert es einen See, dann wird es geschleust und mehrfach führt die Route über Land.

Eine in Europa einmalige Attraktion ist dieser Elblag –Ostroda- Kanal, wie er heute heißt. Früher, als diese Region noch Ostpreußen hieß, nannte man ihn Oberlandkanal nach der Landschaft, die er durchquert.

Die gesamte Wasserstraße ist 195 km lang, wovon aber nur etwa 48 km auf den Kanal selbst entfallen, die restliche Strecke führt durch Seen. Das besondere diesem Kanal ist aber nicht das Wasser, Kanäle gibt es schließlich überall. Außergewöhnlich sind die Strecken, auf denen die Schiffe über Land fahren, sind diese auch Rollberge genannten schiefen Ebenen.

Auf Schienen laufende Wagen ziehen hier die Schiffe über Land und zwar ohne Elektrik, ohne Maschinenkraft, ausschließlich durch die Kraft des Wassers, ein überaus umweltfreundliches Prinzip.

Wozu das Ganze gebraucht wird?

Der zwischen den beiden Endpunkten Elblag und Ilawa bestehende Höhenunterschied beträgt 104 m und musste irgendwie ausgeglichen werden, was durch dieses System von zwei Schleusen und fünf geneigten Ebenen erreicht wurde.

Dieses europaweit einmalige geniale technische Baudenkmal wurde Mitte des letzten Jahrhunderts vom Königsberger Baurat Steenke geplant und erbaut. Eröffnet wurde der Kanal 1860. Mit Anschluss Ostpreußens an das sich schnellausbreitende Eisenbahnnetz verlor er jedoch bald seine wirtschaftliche Bedeutung.

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war er so das, was er noch heute ist, eine Touristenattraktion. Die Fahrt auf dem Kanal mit einem der speziell für die Verhältnisse dieses Wasserweges gebauten Passagierschiffe gleicht einer Reise in eine andere Welt, eine Naturwelt, die uns Menschen nicht braucht.

Urwaldbesäumte Kanalufer rechts und links, längst von der Natur zurückerobert. Lautlos schließen sich die vom gelassen tuckernden Schiff durchteilten gelben Mummelfelder wieder. Malerische Seen mit verschwiegenen Buchten werden durchfahren, ganz selten nur menschliche Spuren, wenn der Blick sich weitet und die ursprüngliche Landschaft den Blick frei gibt auf ein von fetten, sattgrünen Wiesen umgebenes verschlafenes Dorf, oder wenn ein Segelboot entgegenkommt. Ein Paradies für Wasservögel aller Art, eine Fahrt zum Träumen durch ein verwunschenes, aus der Zeit gefallenes Land.

Noch die Saison 2014 über ist der Kanal wegen dringender, umfassender Renovierungsmaßnahmen im Bereich der geneigten Ebenen nicht befahrbar, doch bietet die Reederei Żegluga Ostródzko-Elbląska solange Ersatztouren. Ab 2015 kann man wieder während der Sommersaison vom  1.5.- 30.9. die Strecke Ostróda – Elbląg (13 Std.) mit den Schiffen der Żegluga Ostródzko-Elbląska im Rahmen einer Tagestour befahren. Es ist dies der interessanteste Teil des Kanals, an dem die schiefen Ebenen liegen und eine weitere Attraktion bei Elbląg, der Drużno – See (Drausensee). Dieser See, ein Naturschutzgebiet, ist der Rest einer Bucht des Frischen Haffs, die vor Jahrhunderten trocken gelegt wurde und an seiner maximal nur 2,5 m tief. Eher einem verlandenden Sumpf gleichend fällt er in regenarmen Sommern bis auf ein paar Wasserrinnen trocken und ist ein Paradies für zahlreiche Vogelarten.

Wer die Zeit für eine Schiffstour nicht aufbringen kann, hat auch vom Land aus die Möglichkeit, sich die geneigten Ebenen einmal anzusehen und sich die Funktionsweise an Ort und Stelle anzusehen. Am besten zugänglich sind die Ebenen in Małdyty und Całuny Nowe. In gleichmäßigem, gemächlichem Tempo kommt der kleine weiße Ausflugsdampfer den Berg heraufgefahren, etwas ächzend, als ob es mühsam ist hinauf zu klettern.

Unten, bis zum Rand der Steigung Wasser, oben, da wo die Steigung hinter der Kuppe flach ausläuft Wasser und dazwischen – Wiese. Erst wenn das Schiff ganz nahe ist, erkennt man den niedrigen, zierlichen Wagen auf dem es steht und das Drahtseil, von dem er gezogen wird. Fast gleichmütig selbstverständlich gleitet das Gefährt hinter der Kuppe ins Wasser, ein paar Meter nur und das Schiff schwimmt wieder. Der Maschinist wirft den Diesel an, die Leinen werden gelöst und ruhig tuckernd zieht das Schiff auf dem Kanal davon, als ob das alles das natürlichste auf Erden wäre.


Überaus lohnend ist das ganze Revier- nicht nur der geschilderte Abschnitt- auch für Kanuten. Der Wasserweg ist durchgängig für Segelboote, Kanus und Kajaks befahrbar, auch Sportboote werden  über die schiefen Ebenen gezogen. Einige Teile des Systems sind ihnen sogar vorbehalten, wie der Abschnitt Ostroda – Stare Jabłonki (17 km), Paddelboote können vielerorts ausgeliehen werden.

Das Schöne an dieser Gegend ist, dass man sich einfach ausknobeln kann, ob man in den nächsten See der rechts auftaucht springt, oder vielleicht doch lieber den zweiten links nimmt. Seen gibt es reichlich, baden ist überall erlaubt und das Wasser von ordentlicher Qualität. Unvergesslich ist dieses angenehm temperierte Nass, köstlich erfrischend, wie es keine Dusche kann und so fließend weich und zart die Haut umschmeichelnd wie ein kühles Stück Seide.

Vor allem Menschen, die Ruhe schätzen, ihren Urlaub lieber in unberührter Natur verbringen und sich an der Stille erfreuen, sobald sie einmal die Hauptstraße verlassen haben, die Wanderungen, Radausflüge, Paddelfahrten und Kutschtouren mögen, werden sich in dieses Land verlieben.

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