Siegfried Lenz und sein Roman „Heimatmuseum“

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1983 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Walter Wallmann, Siegfried Lenz, Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F066629-0015 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA

Siegfried Lenz ist tot. Der masurische Schriftsteller starb am 7.Oktober 2014 in Hamburg. Besonders in Masuren wird der Ehrenbürger seiner Heimatstadt Ełk (Lyck)eine große Lücke lassen. Das Ermland-Masuren Journal nimmt den Tod des großen Masuren zum Anlass, seinen Roman Heimatmuseum einmal anders vorzustellen. Der Text stammt überwiegend aus einem Vortrag, den ich in diesem Mai in Krutyń beim Seminar der „Masurischen Gesellschaft” gehalten habe.

 

Gerade an Lenz‘ Werken kann man den langen Weg von der idealisierenden sehnsuchtsvollen Literatur, die einer Liebeserklärung gleichkommt, wie man sie in „So zärtlich war Suleyken“ findet bis hin zum „Heimatmuseum“ nachvollziehen. In diesem Roman arbeitet Siegfried Lenz deutsche Schuld und Verstrickungen auf. Doch ist gerade dieses Buch zugleich auch ein portatives, weil literarisches Heimatmuseum.

 

Siegfried Lenz‘ „Heimatmuseum“ erschien im Jahr 1978 und wurde neben der „Deutschstunde“, die rasch in den Kanon bundesdeutscher Schulliteratur Einzug hielt, zu einem der bekanntesten Werke des 1926 im masurischen Lyck (Ełk) geborenen Schriftstellers.

 

Wenn heute das Jahrzehnte später erschienene Buch „Masuren. Ostpreußens vergessener Süden“ von Andreas Kossert als Standardwerk zur Geschichte Masurens gilt, kann Lenz‘ „Heimatmuseum“ als das Masuren-Epos schlechthin gelten.

 

Selten ist in der Nachkriegsliteratur eine solche Erzählkunst und Fabulierfreude mit detaillierten Schilderungen der Kultur einer untergegangenen Welt so gelungen kombiniert worden, wie im „Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz. So bleibt das Werk, das Lenz selbst „unhöflich dick“ nannte, auch auf 655 Seiten immer eine kurzweilige Lektüre. .

 

 

Das Werk

 

Lenz lässt in seinem „Heimatmuseum“ eine untergegangene Kultur wieder auferstehen in all ihrer Buntheit, in allem Reichtum und prallen Leben, aber auch mit ihren Spannungen und Konflikten. Erzählt wird das Ganze ohne Sentimentalität. Doch spürt man die Sympathie, die der Autor für seine Protagonisten hat. Es gelingt Lenz meisterhaft, manch skurrile Züge seiner Protagonisten nicht exhibitionistisch Schau zu stellen. Auch missbraucht er sie nicht zu platter Illustration merkwürdiger Anwandlungen eines Menschenschlags in einer rückständigen Weltabgeschiedenheit. Er stellt sie als Typen dar, die die besonderen Lebensumstände in Masuren charakterisieren – immer mit einem Zwinkern im Auge. Um diese Romanhelden, ihr Leben und ihre Tätigkeit herum entfaltet Lenz ein breites Panorama masurischer Sprache und Kultur, von den Mythen, Brauchtum und der Traditionen der Region.

 

Das „Heimatmuseum“ ist ein Buch, bei dem es auch um den Verlust geht, die Trauer um die untergegangene Welt Masurens und den direkten Weg, der dorthin führte. Doch ist Lenz‘ „Heimatmuseum“ keinesfalls als Heimatliteratur anzusehen, sondern eher als ein Stück Heimatkunde. Dieser Roman setzt sich schonungslos mit allen Facetten des Verlusts auseinander. Er unterscheidet sich insofern auch fundamental von dem Erzählband „So zärtlich war Suleyken“, der nach seinem Erscheinen 1955 schnell zu einem Kassenschlager wurde.

 

Wie erwähnt geht Lenz auch im „Heimatmuseum“ zwar liebevoll mit seinen Protagonisten um, doch sind in ihnen auch deutlich deren Verstrickungen in die Zeitgeschichte herausgearbeitet, wie auch persönliche Schuld. Hier schreibt Lenz in epischer Breite jenseits von Klischees und der typischem Masuren-Topoi doch viel eher der Erzähltradition eines Marcel Proust verhaftet, als der irgendwelcher Heimat- oder gar Heimwehliteratur, wie der Schriftsteller Horst Bienek in der Wochenzeitung „Zeit“ urteilt.[i] Bienek erkennt in seiner Buchbesprechung einen ganz anderen Lenz, einen gewichtigeren, ein politischeren, einen engagierteren und enragierteren. Er sieht in den Werken von Schriftstellern wie Lenz, Grass und Christa Wolf eine neue, kritische Heimatliteratur jenseits des Heimwehs. Walter Benjamin hat das Bemühen solcher Autoren an Hand von Marcel Proust schon früh so charakterisiert: „Man weiß, daß Proust nicht ein Leben, wie es gewesen ist, in seinem Werk beschrieben hat, sondern ein Leben, so wie der, der’s erlebt hat, dieses Leben erinnert.“ Das genau sei präzise der Unterschied zwischen alter und neuer Heimatliteratur. Sie sei nicht Beschreibung dessen was war, sondern zugleich kritische Reflektion darüber; also was war und ist. Dies könne man auch eine Literatur der Region nennen, erklärt Bienek[ii].

Lenz‘ Werk schlägt den Bogen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zum Verlust Masurens und zum Neuanfang im schleswig-holsteinischen Egenlund. Dabei beleuchtet er die Entwicklung und wie sie die Menschen erlebten. Dazu gehört auch die zum Verlust führende Verstrickung der Protagonisten in den Nationalismus und Nationalsozialismus.

Dabei steht Lanz ganz in der Tradition des Erzählens im Osten. An den langen Winterabenden erzählte man aus einem schier unerschöpflichen Fundus. In der Schummerstund dieser Traumzeit zwischen Licht und Dunkel, zwischen träumerischer Fiktion und Wirklichkeit driftete man gern ab in eine Welt in zarten hellen Nebeln über Mooren und Seen. Daraus schöpft Lenz, deshalb erscheinen auch die skurrilen Figuren so liebevoll vertraut. Der literarische Kosmos von Siegfried Lenz ist reich gefüllt mit Gestalten, Geschichten, Gedanken und Bildern aus Masuren.

 

Hauptfigur des Romans ist Zygmunt Rogalla. Zygmunt wird etwa um 1905 als Sohn eines skurrilen Dorfalchemisten und Heilers im masurischen Lucknow geboren, das unschwer als Siegfried Lenz‘ Heimatstadt Lyck zu erkennen ist. Großvater Alfons Rogalla ist Pächter der Dorfdomäne, die er als Patriarch unbeugsam, unnachsichtig und mit harter Hand regiert. Zygmunts Großonkel Adam gründet ein masurisches Heimatmuseum in dem er unermüdlich und ohne wertende Auswahlen zu treffen, „Zeugen“ zu sammeln beginnt, die in ihrer Zufälligkeit zeigen sollen, wie es war in der Vergangenheit. Im Laufe der Jahre steckt er den heranwachsenden Zygmunt mehr und mehr mit seiner Leidenschaft für das Heimatmuseum an.

 

Konrad Karrasch, Conny genannt, wird Zygmunts Freund. An dieser Freundschaft hält Zygmunt Rogalla unverbrüchlich über Differenzen und Zeitläufte hinweg fest. Conny ist der Jugendfreund, mit dem Zygmunt durch Dick und Dünn geht. Später wird Conny Karrasch Gegenspieler als Vorsitzender des Lucknower Heimatvereins, der das Heimatmuseum instrumentalisieren will.

 

Dritte bestimmende Figur des Romans ist Sonja Turk, die geheimnisvolle Teppichmeisterin, die Zygmunt erst vor dem Ertrinken rettet und dann als Schüler aufnimmt. Sie führt Zygmunt Rogalla in eine neue Welt ein, in der er seine Bestimmung in der masurischen Teppichtradition findet. „Zentrales Symbol ihrer Teppichkunst ist der springende Hirsch als Sinnbild der dynamischen Bewegung des Lebens. Sonja Turks ‚stoische Ergebenheit in die Zeitlichkeit menschlicher Existenz‘ setzt Lenz die Figur des polnischen Teppichwirkers Maichal Mamino entgegen und dessen christliche Orientierung. „Der legendäre Teppichwirker Michal Mamino setzt dem menschlichen Schicksal der Zeitlichkeit, so wie es Sonja Turk in ihren Teppichbildern symbolisiert, eine konsequent christliche Antwort auf die Frage nach Heimat entgegen. Alle Versuche, dauerhafte Heimat in der Geschichte zu etablieren, müssen notwendig scheitern, aber der Mensch, der nicht müde wird, die verlorene Heimat zu suchen, handelt aus der Erinnerung an das Paradies …“ schreibt der Literaturwissenschaftler Winfried Freund.[iii]

 

Nirgends in der Nachkriegsliteratur kann man so viel über die masurische Teppichweberei erfahren und nirgends wird sie so gekonnt als Metapher eingesetzt für das feine Gewebe eines solchen Romans, der als wieder erzählte Geschichte gestaltetet ist.

 

Die Geschichte beginnt mit den Geschehnissen des Ersten Weltkriegs in Lucknow, die historisch mit der von Lyck übereinstimmt, mit all der Zerstörung, der die Stadt damals anheimfiel. Nach dem Ersten Weltkrieg kommt das Aufwallen des Nationalismus. Plötzlich ist es nicht mehr egal, welche Sprache man spricht, welches Brauchtum man pflegt. Immer mehr ist man nun prodeutsch eingestellt. Für Zygmunt Rogalla ist die Volksabstimmung 1920 und die Option für Deutschland nicht einfach. Zwar stimmt Zygmunt für Deutschland, aber die Lage beruhigt sich nach der Volksabstimmung nicht mehr. Er sieht den Aufstieg Hitlers und der rechten Kräfte durchaus mit Unbehagen und bald werden die Befürchtungen war, als in der Nähe ein erschossener KZ-Häftling geborgen wird.

Zygmunt Rogalla wehrt sich immer mehr gegen Bestrebungen als Instrument des Deutschtums im Osten missbraucht zu werden, immer mehr wird die Sammlung des Onkels instrumentalisiert – schon lange vor der Nazizeit. Doch Zygmunt will die „Zeugen“, wie schon sein Onkel und Museumsgründer Adam Rogalla die Exponate nennt, vor der Vergänglichkeit bewahren. Er will gerade die Zufälligkeit erhalten, und wehrt sich von Anfang an gegen jedes Aussortieren, denn der Blick auf die Vergangenheit soll unverstellt sein und zur genauso unverstellt-vorurteilslosen Betrachtung der Gegenwart führen. Zygmunt und sein Onkel wollen, dass nichts in eine bestimmte Richtung geschoben wird und tendenzlos ist, egal ob deutschen oder polnischen Ursprungs. (S. 386).

Einen einzigen Zweck soll das Museum haben (S.165): Die Erkenntnis, dass Weltkunde erst aus Heimatkunde entsteht, und die Welt demnach erst erklärbar ist, wenn man die Heimatkunde kennt.(S.191) Welterkenntnis führt demnach in der Konsequenz ausschließlich über die Erkenntnis des eigenen Seins. So ist Adam Rogallas Tun auch ein Kampf gegen das Vergessen und für die Dauer. Es ist ein Kampf gegen Vereinnahmungen, in dem die stummen Zeugen zeigen, wie es wirklich war und wo die Wurzeln zu finden sind.

 

Doch neben aller Spannung um das Heimatmuseum geht das Leben auch im Dritten Reich seinen beschaulichen Gang weiter, auch in Lucknow wird Unbeschauliches und Unbequemes nicht hinterfragt, sondern ausgeblendet und alles bewegt sich fast unmerklich in einer Abwärtsspirale dem Abgrund zu. Auch Lucknow flüchtet sich ins Private. Zygmunt hat seine Lehrzeit hinter sich gebracht und heiratet Edith, die Schwester von Conny Karrasch. Die beiden bekommen einen Sohn Paul.

Im Dritten Reich dann wird der Druck immer größer auf Zygmunt und seine Heimatmuseum. Die Heimatliebe soll nun inspirieren, zu Heimatüberhöhung bis zum rassistisch bedingten Überlegenheitsgefühl führen, Heimatstolz bis hin zum äußersten Wehrwillen befördern. „ Als die Machthaber die Sammlungen reinigen, alles ‚Wesensfremde‘ entfernen und das Heimatmuseum umfunktionieren wollen zu einem Grenzlandmuseum als Zeugnis kriegerischer Selbstbehauptung der Deutschen gegenüber den Slawen – da schließt Zygmunt das inzwischen vom Onkel übernommene Museum für die Öffentlichkeit. Denn er ist der Meinung „Vergangenheit: sie gehört uns allen, man kann sie nicht aufteilen, zurechtschneiden; …. Wer sich einen reinen Ursprung zulegen will, der weiß, dass er Gewalt braucht,“ heißt es im Heimatmuseum (S.419 f).[iv] So schließt Zygmunt das Heimatmuseum lieber kurzer Hand, bevor der „Volkstumskampf“ ans große Ausmisten geht. Es soll nicht von Lucknower Nationalsozialisten zum Vorposten des Deutschtums im Ausland« erklärt werden und alle Zeugnisse nicht deutscher, nicht nationaler Kultur entfernen lassen wollen.

 

Zwar ist der Roman tatsächlich sehr dick, aber Siegfried Lenz hat so Muße, in seiner ruhigen, breit angelegte Erzählweise ein überaus facettenreiches Bild Masurens zu zeichnen, in aller Pracht der Landschaft und Vielfalt der Kultur. Er lässt den Leser so auf jeder Seite tief erleben, was das für einen Verlust für die Menschen bedeutete. Sein Verdienst ist es auch, dabei auf subtile Art zu zeigen, wie sehr Menschen auch an dem Weh in diesen Untergang teilhatten, wie sehr sie auch darin verstrickt waren. Die bei Protagonisten Zygmunt und Conny driften dabei zunehmend auseinander. Der immer etwas nassforsche Conny, der inzwischen für die Heimatzeitung tätig ist, redet den neuen Herren das Wort, ohne tiefer darüber nachdenken, und steht auf der Seite derer, die das Heimatmuseum politisch zeitgerecht bereinigen um alles, was nicht urdeutsch-treudeutsch ist und zwar ein Zeuge der Vergangenheit ist, aber keiner des „Volkstumskampfs eines Bollwerks im Osten“. Der bedächtige Zygmunt Rogalla läßt weder sich, noch sein Heimatmuseum oder seine Teppichkunst vereinnahmen. Er will, dass alles seine Berechtigung hat, nebeneinander und miteinander zu bestehen. So leben sich die Freunde auseinander, ohne dass Zygmunt an einer unverbrüchlichen Freundschaft gezweifelt hätte.

 

Als der Untergang Masurens naht, geht Lucknow auf die Flucht, der Siegfried Lenz das ganze 13. Kapitel widmet. Bei den dramatischen Ereignissen kommen Zygmunts Frau Edith und der Sohn Paul genauso ums Leben wie die verehrte Teppichmeisterin Sonja Turk. Deren Vermächtnis, das „Kompendium der Teppichkunst“ kann Zygmunt retten, auch Teile seiner Exponate aus dem Heimatmuseum. Der Neuanfang gelingt im fiktiven Egenlund in Schleswig-Holstein an der Schlei – bezeichnender Weise eine Landschaft, die Masuren gar nicht so ähnlich ist.

 

Zygmunt beginnt das Heimatmuseum wieder aufzubauen, viele Lucknower, die durch Flucht oder Vertreibung in alle Winde zerstreut wurden, kamen im Laufe der Jahre wieder in Kontakt und begannen Exponate beizusteuern. Zygmunt Rogalla heiratet wieder und bekommt seine Tochter Henrike und den Sohn Bernhard. Conny Karrasch kehrt erst nach Jahren aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft heim. Alle sind mit dem Überleben und Fußfassen beschäftigt, doch bald fängt man an, sich zu organisieren. Der Lucknower Heimatverein wird geründet und bald führen die gleichen, alten Lucknower Anführer wieder das Wort, als ob nichts geschehen wäre. Sie hatten schnell vergessen, dass Flucht und Vertreibung nicht vom Himmel gefallen waren wie eine plötzliche biblische Plage, sondern eine Vorgeschichte hatten, die 1933 begonnen hatte.

Heimatvertriebenenvereine wie der Lucknower Heimatverein haben schnell wieder die Deutungshoheit, was der deutschen Geschichte des Ostens nützt, und wie das Heimatbild auszusehen hat. Als der Heimatverein, das Heimatmuseum in Besitz nehmen will – woran Conny Karrasch ein Hauptbeteiligter ist – zieht Zygmunt Rogalla die Reißleine. Er beschließt, das Heimatmuseum lieber abzubrennen, denn wieder sieht er sich und das Museum der drohenden Ideologisierung ausgesetzt.

Damit schließt sich der Bogen des Romans. Begonnen hatte er mit dem Abbrennen des Museums und den Brandverletzungen, die Zygmunt Rogalla ins Krankenhaus führten. In 15 Kapiteln erzählt er Martin Witt, dem Freund seiner Tochter, wie es soweit kam, was ihn dazu brachte und führt dabei durch die Geschichte Masurens des vergangenen halben Jahrhunderts. Das geschieht in üppigen, breiten Bildern, in denen gezeigt wird, wie die Masuren ihren Alltag lebten. Und es ist eine Lehrstunde, wie klein die einzelnen Schritte nur sein müssen, um in der Gesamtheit zum Verlust Masurens zu führen, zum Holocaust und den Schrecken von Krieg und Besetzung, bis das Grauen dann dorthin zurückkehrte, wo es seinen Ausgang nahm.

Das Museum war in Masuren zum Vorposten des Deutschtums im Ausland und dem Grenzland-Mythos geworden und entlarvte später auch das Nachkriegsgeschehen. Lenz‘ Protagonist Zygmunt Rogalla propagiert gegen den neuen, alten Zeitgeist einen Heimatbegriff, der einen weltoffenen Regionalismus meint. Dieses Protokoll eines Verlusts ist keineswegs klassische Heimwehliteratur, sondern eine Lektion in Heimatkunde. Mit diesem Roman hat Siegfried Lenz Fiktion geschrieben und nicht Wahrheit. Aber er hat hier eine exemplarische Wahrheit erfunden.

 

 

Der Erzählstil

Lenz geht sehr stringent in der Erzählweise vor und nutzt die Technik der retrospektiven Analyse. Ein doppeltes Spannungsverhältnis trägt den Dialog zwischen Erzähler und Zuhörer, der im Laufe der 15 Kapitel zu einer Identifikation mit dem Zuhörer führt. Deshalb hat Lenz dem Erzähler mit Martin Witt zwar einen Namen gegeben, aber sonst weiß man von ihm nur, dass er Freund der Tochter Henrike ist. Wieder hat Siegfried Lenz hier aber die Rückschau als Perspektive gewählt. In einem Strukturmuster von Rahmen- und Binnenerzählung fungiert die Rahmenerzählung in der Gegenwart als fiktive Wirklichkeitsebene, die sowohl Ausgangsort der Erinnerung ist, sondern auch den Raum des Handelns, der letztlichen Tat des Abbrennens dient, und zum Fanal für einen falschen Umgang mit der Vergangenheit.

Wahrheit erfinden – Die Imaginäre Geschichtsschreibung

 

Geschichte kann man wissenschaftlich bestens recherchieren, erforschen und aus der Forschung ein Buch machen. Wenn man Glück hat, wird daraus nichts Knirztrockenes, sondern im besten Fall, ein Buch wie das von Andreas Kossert. Man kann analysieren, kluge Betrachtungen und Interpretationen finden, nur die große Masse erreicht solch ein Buch selten.

 

Anders ist das, wenn Geschichte herunter gebrochen wird auf einen lokalen Bezug, eine überschaubare Gruppe von Menschen, die man genauer in ihrem Alltagsleben erlebt. Besonders was Krieg, Holocaust und die Angriffe auf die Nachbarländer geht, erfahren wir in der Literatur nacherlebbarer. Hier wird nicht Wahrheit erzählt, wie sie ist, sondern es wird eine Wahrheit erfunden, die exemplarisch sein kann.

Für Siegfried Lenz selbst war die imaginäre Geschichtsschreibung immer die beste Art der Zugänglichmachung des Lebens in einer Epoche. Für die Überlieferung menschlicher Erfahrung gibt es für ihn keine geeignetere Form als eine Erzählung. Mit seinre Literatur wollte er der Historiographie nichts streitig machen. Doch als Spiegel menschlicher Erfahrung ist sie wichtig und so kann Fiktion Faktisches erklären. Besonders im „Heimatmuseum“ entfaltet sich Lenz‘ imaginäre Geschichtsschreibung. Da wird der Alltag einer masurischen Kleinstadt und ihrer verträumten Umgebung wieder quicklebendig, wird der Erzählung Raum gegeben, viele Details des Lebens, der Bräuche und Traditionen einfließen zu lassen. Anschaulich erlebt der Leser wie es war mit dem Teppichweben, der Fischerei, den fantastischen Erzählungen, wie die Atmosphäre war, was das Land und seine Menschen ausmachten. Daraus erklärt sich auch die epische Anlage des Werks und die „unhöfliche Dicke“.

Zugleich ist das „Heimatmuseum“ eine kritische Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung und natürlich den Emotionen, die Betroffene dabei erlebten und die sich auch nach dem Verlust an ein rein deutsches nur aus idyllischen Bildern bestehendes Heimatbild klammern. Diesen Heimatbegriff entmystifiziert Lenz.

Mit diesem anderen Heimatbegriff ist es nicht zu vereinbaren, dass der Missbrauch des Begriffs Heimat so weit geht, dass der ehemalige Ortsgruppenleiter der NSDAP von Lucknow zum Vorsitzenden des Heimatvereins im Nachkriegsdeutschland gewählt wird. So wird die „imaginäre Geschichtsschreibung“ von Lenz zu einer vielschichtigen Erzählweise, denn sowohl das Geschichtsverständnis an sich, als auch das Verhalten innerhalb der Geschichte sind Gegenstand des Romangeschehens. Die Selbstreflexion verschwindet nicht in kleinen Kommentaren, sondern ist durch die Tat begründetes zentrales Motiv. Auch der Verlust wird beileibe nicht am Rande erlebt, denn Flucht und Vertreibung nehmen ein ganzes Kapitel ein und gehören zu den dichtesten, eindrucksvollsten Abschnitten des Texts.

In diesem „Heimatmuseum“, wie es Lenz entstehen ließ, wird ohne Geschichtsverbiegungen eine Kultur beschrieben, die für immer untergegangen ist. Es zeigt Menschen in einer fernen Zeit und in einem weit entfernten Land, wie sie gelitten und geliebt haben, gearbeitet und gefeiert, und wie sie mit den politischen Verhältnissen umgingen. Ein solches Heimatmuseum ist unverlierbar.

– – –

[i] Horst Bienek:Gibt es eine neue Heimatliteratur? Besuch im Heimatmuseum, Die Zeit Jahrgang 1978, Ausgabe 43, 20 10.1978

[ii] Bienek, a.a.O.

[iii] Winfried Freund: Siegfried Lenz: Heimatmuseum. In: Herbert Kaiser, Gerhard Köpf (Hg): Erzählen, Erinnern. Deutsche Prosa der Gegenwart. Interpretationen., Frankfurt/M. 1992. S.87-105, hier S 104

Michael Garleff, a.a.O., zit: Lenz S.419 f.[iv][iv]

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