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Hubschrauber-Notlandung in Masuren und die Frage: Fällt der Krieg bei Schlechtwetter aus?

Amerikanischer Black Hawk-Hubschrauber, Foto: Alan Radecki, GFDL, CC-BY-SA-3.0,2.5,2.0,1.0

Zuerst wussten die Einwohner von Nowa Wieś bei Rybno (Ribno) im Kreis Działdowo (Soldau) gar nicht, wie ihnen geschah, kam das Dröhnen aus dem Fernsehen? Viel guckten hinaus und erschraken, Suchscheinwerfer hatten ihre Häuser im Visier, Kampfhubschrauber kreisten um ihr Dorf, immer tiefer und landeten mitten auf einem Feld am Rumin-See. Hektisches Telefonieren, sind die Russen da? Einige mutige Dorfbewohner liefen zum Feld und gaben Entwarnung: Es waren Amerikaner. Fünf Kampfhubschrauber vom Typ Black Hawk (Sikorsky UH-60 Black Hawk) und ein Transporthubschrauber (Boeing CH-47 Chinook) der früher in Ansbach stationierten 12. Luftkampf-Brigade der US Army (12th Combat Aviation Brigade) waren mitten in der masurischen Einöde gelandet. Sie hatten an einer NATO-Übung in Litauen teilgenommen und waren auf dem Rückflug ins pommersche Mirosławiec (Märkisch Friedland) im Kreis Wałcz (Deutsch Krone), wo sie derzeit stationiert sind.

Was zunächst wie eine Bedrohung aus einem Kriegsfilm wirkte, klärte sich als harmlos auf und wurde zum Dorfspektakel. Essen wurde gebracht, Getränke und ein des Englischen kundiger Einwohner von Nowa Wieś übersetzte. Der herbeigeeilte Wójt der Samtgemeinde Edmund Ligman dachte zuerst, die Amerikaner seien wegen irgendeiner Rettungs- oder Hilfsaktion hier gelandet. Dann wurde er aufgeklärt, dass es sich um eine Notlandung wegen des Nebels handelte. In Nullkommanichts war das Gelände von der polnischen Feldgendarmerie gesichert. Die Amerikaner übernachteten in ihren Hubschraubern. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit herbeigebrachtem Kaffee, Schnittchen und Kuchen starteten die Hubschrauber und setzten ihren Flug fort. Viel besser war das Wetter nicht geworden und schon bei Rodowo in der Nähe von Sztum (Stum) in der Nachbarwoiwodschaft Kujawien-Pommern mussten sie wieder notlanden.

Auch hier herrschte zuerst die Angst, die Landung könnte mit der Ukraine-Krise zusammenhängen und auch in Rodowo wurde die Notlandung der Amerikaner zu dem Dorf-Event des Jahres. Trotz der Sprachbarrieren gelang es den Hubschrauber-Besatzungen nach einer nahen Pizzeria zu fragen. Um 14 Uhr starteten due Hubschrauber zum Weiterflug Richtung Malbork, wo sie zum Auftanken wie geplant zwischenlandeten.

Eine weitere Einheit derselben Brigade legte eine Notlandung mitten auf einem Rapsfeld bei Gruta in der Nähe von Grudziądz (Graudenz) hin. Auch hier herrschte zuerst große Furcht, da die Einwohner nicht wussten, was da überhaupt vor sich geht, bis es dem Kommandeur der kleinen Einheit gelang, ihnen zu erklären, dass die Besatzungen wegen des Nebels nicht mehr gewusst hätten, wo sie sich überhaupt befänden. Und auch in Gruta wurde die Notlandung der Amerikaner zur Riesenattraktion, von der das Dorf in zehn Jahren noch reden wird. Interessierte Dorfbewohner wurden eingeladen sich einmal das Cockpit anzusehen und bewirteten die amerikanischen Soldaten im Gegenzug wie Gäste.

Im Nachhinein und jenseits des Spektakels warf das Geschehen in Masuren neuen Fragen betreffs der eigenen Sicherheit auf. Die Hubschrauber sollten ja gerade Balten und Polen beruhigen und den NATO-Schutz sichtbar machen. Der amerikanische Botschafter Stephen Mull antwortete auf die Frage, warum solche doch wohl geschulten Spezialisten gleich mehrfach die Orientierung verloren und wegen des Wetters landen mussten, die Hubschrauber seien auf dem Rückflug von einer Übung gewesen, die Sicht sei sehr schlecht gewesen, deshalb haben sie landen müssen.

Wie sich später herausstellte, waren dies nicht die einzigen Zwischenfälle dieser Art. Insgesamt zwölf Helikopter mussten auf dem Rückflug von Litauen ins pommersche Mirosławiec notlanden. Doch nun stellt sich auch in den Medien – wie beim Fernsehreporter Mariusz Sidorkiewicz vom Fernsehsender TVN24 die Frage, wie denn so etwas sein könne. Diese mit Elektronik gespickten Kampfhubschrauber könnten doch auch unter den schwierigsten Bedingungen fliegen. Inzwischen kommen Kommentare wie: Also ich habe GPS im Auto, und ein Navi, die nicht? So stellen sich viele Menschen in der Region mittlerweile die etwas sarkastische Frage: Und was machen die im Krieg? Was ist, wenn die Russen einen von uns Nachbarstaaten angreifen und das Wetter ist schlecht? Warten bis die Sonne scheint?

So folgte der großen Volksbelustigung ein wenig Ernüchterung und die Frage ob man sich unter dem NATO-Schirm Putins Begehrlichkeiten gegenüber nun etwas sicherer fühlt ist wieder ein Stück offener.