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Tadeusz Willan – Der letzte große Masure ist tot

Ein Nachruf

Tadeusz Willan bei einem Seminar der Masurischen Gesellschaft, Foto: B. Jäger-Dabek

Tadeusz Willan als Moderator bei einem Seminar der Masurischen Gesellschaft, Foto: B.Jäger-Dabek

Am 17. April 2018 verstarb der Journalist, Schriftsteller und Aktivist für den Erhalt der Kultur des Masurentums Tadeusz Willan nach langer, schwerer Krankheit in Allenstein (Olsztyn).

Tadeusz Willan wurde 1932 in Kruttinnen (Krutyń) geboren. „Ursprünglich hieß ich Siegfried, ich wurde als Kind deutscher Eltern noch vor dem Krieg geboren und ging sechs Jahre in die deutsche Schule. Später, am polnischen Lehrerbildungsinstitut, sagte man mir, so ginge das nicht, ein polnischer Name müsste her – so wurde ich Tadeusz. Nach der Wende hieß es in deutschen Kreisen: Was willst du noch mit Tadeusz, du heißt doch Siegfried – Tadeusz steht aber für mein Berufsleben als polnischer Journalist – Siegfried für mein deutsches Elternhaus, beides gehört zu meiner Identität …”, erklärte mir Tadeusz bei einem Interview für die Wochenzeitung „Freitag“. Anschließens studierte Tadeusz Siegfried Willan Journalismus. Nach dem Abschluss des Studiumsin Warschau ergriff er seinen Traumberuf und wurde Journalist.

Von Anfang an galt sein besonderes Interesse der Lage seiner masurischen Landsleute. In der Tauwetterphase 1956/57 unter Gomulka gab es Diskussionen, die Volksgruppe der Masuren im Land als ethnische Minderheit anzuerkennen. Tadeusz Willan verfasste 1956damals eine auch von anderen Masuren unterzeichnete Denkschrift, mit der er die Anerkennung des Andersseins der Masuren sowie deutschsprachige Zeitungen und Bücher in den örtlichen Bibliotheken forderte. Die Wojewodschaftsleitung der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei sah das zunächst positiv. Sie beauftragte Willan, eine masurische Regionalseite für die deutschsprachige Breslauer Arbeiterstimme zu redigieren. Und der brachte durch seine Kommentare und Berichte über wehrpflichtige Masuren, die nicht zum polnischen Militär einrücken wollten, weil sie sich als Deutsche sahen, eine Stellungnahme des polnischen Gerichtshofes auf den Weg.  Danach wurde niemand mehr inhaftiert, weil er seiner Wehrpflicht nicht nachkam. Auch wenn die Masuren weiter mit Einberufungen traktiert wurden, es geschah ihnen nichts.

Tadeusz Willan war von Mitte der 1950er Jahre an in Allenstein als Journalist tätig beim „Sztandar Młodych”, „Głos Olsztyński” (später Gazeta Olsztyńska) und ab 1977 bei „Warmia i Mazury”, wo er 13 Jahre als Chefredakteur fungierte. Er war Mitbegründer der Allensteiner Niederlassung des polnischen Journalistenverbands SDRP (Stowarzyszenie Dziennikarzy Rzeczypospolitej Polskiej) und seit 2000 deren Vorsitzender.

Tadeusz Siegfried Willan publizierte mehrere Bücher. Am bekanntesten ist der 1979 erschienene Titel „Droga przez morze“ (Der Weg über das Meer), das die Flucht der ostpreußischen Bevölkerung im Winter Anfang 1945 darstellt. Es war die erste Veröffentlichung zu diesem Thema. Viel beachtet war auch die 1968 erschienene Reportagesammlung „Nienawiść i pajda chleba“ (Hass und ein Laib Brot). Sein 1981Roman „…by światło, które jest w tobie nie stało się ciemnością“ (… dass das Licht, das in dir ist, nicht dunkel werde) gewann den Preis im Wettbewerb “Pojezierze”. Auch war Tadeusz Willan an Sammlungen masurischen Märchen als Autor tätig. Dazu übersetzte er Werke von Hermann Sudermann ins Deutsche.

Nach der politischen Wende war Tadeusz Siegfried Willan Mitbegründer und bis zu seinem Tod Vorsitzender der Masurischen Gesellschaft. Zudem war er Chefredaktuer der Kulturzeitschrift „Masurische Storchenpost“ (Mazurska Poczta Bociana) Anders als andere Vereine der deutschen Minderheit, die sich ab 1990 bei Gericht registrieren lassen konnten, war die Masurische Gesellschaft nicht allein der deutschen Kultur verpflichtet, sondern allen Facetten der masurischen Kultur. 27 Jahre lang veranstaltete Tadeusz Willan Seminare zur masurischen Kultur, Geschichte und Gegenwart sowie zum Themenkreis Identität und Minderheiten in Europa. Es gelang ihm immer wieder prominente Vertreter aus den Medien und der Politik sowie renommierte Wissenschaftler als Referenten zu diesen Veranstaltungen einzuladen.

Für seine Arbeit Im Sinne der deutsch-polnischen Aussöhnung, und der Bewahrung der masurischen Kultur wurde Tadeusz Siegfried Willan mehrfach ausgezeichnet. So erhielt er unter anderem das Ritterkreuz und das Offizierskreuz des polnischen Ordens Polonia Restituta (Order Odrodzenia Polski), sowie das Ehrenzeichen „ Für Verdienste an Ermland und Masuren“. Im Jahr 2014 wurde Tadeusz Willan von der Danziger Generalkonsulin Anette Klein mit das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Nur wenige Wochen vor seinem Tod wurde Tadeusz Willan “in Anerkennung seiner herausragenden Leistungen im Bereich sozialer Aktivitäten bei der Integration der lokalen Gemeinden in Ermland und Masuren”, mit der. Kurt Obitz-Medaille geehrt. Seine Ehefrau Barbara Willan nahm die Auszeichnung aus den Händen des Marschalls der Woiwodschaft Ermland-Masuren stellvertretend an.

Tadeusz Willan war Mitbegründer und Vorsitzender des Verbandes der Mazury in Krutynia, wo er Seminare und Tagungen zu Themen organisiert Masuren mit prominenten Vertretern der Welt der Wissenschaft und den Medien. Für seine Arbeit wurde er immer wieder gefördert, darunter das Kreuz des Officer der OOP Abzeichen „Merit für Warmia und Mazury“ und – im Jahr 2014 – das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Auf die Frage, als was er sich denn nun fühle, als Deutscher oder als Pole antwortete Tadeusz Willan: Zuallererst als Masure. Und er war einer der letzten Masuren, der sich in Kultur und Traditionen seiner Heimat auskannten, sie dokumentieren und darüber schreiben konnte. Dabei blickte er stets über den Tellerrand hinaus, war neugierig und interessierte sich auch für andere ethnische und nationale Minderheiten in der Woiwodschaft. Durch seine Mitarbeit in der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen arbeitete er bald auch mit Minderheiten in anderen Ländern zusammen. So war er in seinem Wirken nicht ein Bewahrer der Asche. Sein Anliegen war es, das Feuer weiterzugeben – Tadeusz Willan suchte stets den Dialog.

Die Trauerfeier fand am Freitag, den 20. April um 12:30 Uhr in der evangelischen Kirche in Sensburg statt. Die Urnenbeisetzung erfolgte anschließend auf dem Friedhof seines geliebten Heimatorts Kruttinnen (Krutyń) im Familiengrab an der Seite seiner Mutter.

Ich hatte die Ehre, Tadeusz Siegfried Willan seit vielen Jahren zu kennen und mit ihm und seiner Frau befreundet zu sein.