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Der letzte Masure

ITadeusz Willan bei einem Seminar der Masurischen Gesellschaft, Foto: Brigitte Jäger-DabekM MAHLSTROM DER GESCHICHTE
Aus der Sicht einer aussterbenden Minderheit in Polen beschäftigt sich Tadeusz S. Willan mit dem Thema „Flucht und Vertreibung nach 1945“

Kilometerlang führen die Straßen im Nordosten Polens durch tiefe Wälder, die zum Verlaufen taugen, ab und zu glitzert silbern ein See zwischen den Bäumen hindurch, kleine Dörfer liegen traumverloren und malerisch in der Landschaft. Dazwischen weite Felder, durchschnitten von langen Alleen, die man wie grüne Tunnel durchfährt. Masuren, das weite Land der dunklen Wälder und kristallklaren Seen, mit dem unvergleichlich hohen Himmel ist immer noch die Idylle pur. Auch die Ortschaft Krutyn, in deren Nachbarschaft einst der Schriftsteller Ernst Wiechert aufwuchs. Ein paar Touristenbusse pro Tag, ansonsten haben die Kanuten die schönste Paddeltour Europas auf dem Krutynia-Fluss für sich. Wenn der Sommer vorbei ist, verläuft sich kein Mensch mehr hierher, und Krutyn lebt wieder das einfache Leben.

Zweimal im Jahr allerdings tut sich Erstaunliches in dem kleinen Dorf. Da berichtet ein Rätoromane über die multikulturelle Schweizer Gesellschaft, eine Japanerin referiert über die Probleme der koreanischen Minderheit in ihrem Land, eine Nordschleswigerin erzählt vom langen Weg der Deutschen und Dänen zu einem Ausgleich, ein weißrussischer Schriftsteller liest aus seinen Novellen. Hier wird über ein friedliches Miteinander der Völker nachgedacht, in Krutyn wollen Menschen heraus aus der leidvollen deutsch-polnischen Vergangenheit – viel Weltoffenheit in der masurischen Abgeschiedenheit.

Schirmherr dieser Begegnungen der Masurischen Gesellschaft ist ihr Vorsitzender, der masurische Journalist Tadeusz S. Willan, ein freundlicher, grauhaariger Mann mit flinken, seine Umwelt mit einer gewissen berufsmäßigen Neugier beobachtenden Augen. Das „S.“ stehe für Siegfried, erklärt Willan mit sonorer Stimme und ist gleich mitten im Problem Identität und Zugehörigkeit. „Mein Name ist ein Beispiel für die vielschichtige Identität eines Menschen, die nicht nur von kulturell-nationalen Einflüssen, sondern auch von der ganz persönlichen Umwelt geprägt wird. Ursprünglich hieß ich Siegfried, ich wurde als Kind deutscher Eltern noch vor dem Krieg geboren und ging sechs Jahre in die deutsche Schule. Später, am polnischen Lehrerbildungsinstitut, sagte man mir, so ginge das nicht, ein polnischer Name müsste her – so wurde ich Tadeusz. Nach der Wende hieß es in deutschen Kreisen: Was willst du noch mit Tadeusz, du heißt doch Siegfried – Tadeusz steht aber für mein Berufsleben als polnischer Journalist – Siegfried für mein deutsches Elternhaus, beides gehört zu meiner Identität …“

Im Ruf eines Erzkommunisten

Schon immer saßen die Masuren zwischen allen Stühlen, waren den Deutschen zu polnisch mit ihren größtenteils slawischen Wurzeln, den Polen nach dem überwältigenden pro-deutschen Votum beim Referendum von 1920 zu deutsch und obendrein evangelisch. Nach Kriegsende gerieten die Masuren vollends zwischen die Räder der Geschichte. Den einen Teil deklarierte man zu polnischstämmigen Autochthonen und polonisierte ihn, den anderen, den deutschen, wollte man nicht in der Gesellschaft haben. Dieses Spannungsfeld sorgte für stets wiederkehrende Themen in Willans Arbeit: Identität, nationale Minderheit, Flucht, Vertreibung. Immer wieder befasste er sich mit dem Schicksal seiner masurischen Landsleute, teils mit viel Mut, teils mit erstaunlicher Wirkung.

In der Tauwetterphase der Gomulka-Regierung 1956/57 gab es Diskussionen, neben andren Volksgruppen auch die Deutschen im Land als Minorität anzuerkennen. Willan verfasste damals eine auch von anderen Masuren unterzeichnete Denkschrift, mit der er die Anerkennung des Andersseins der Masuren sowie deutschsprachige Zeitungen und Bücher in den örtlichen Bibliotheken forderte. Die Wojewodschaftsleitung der PVAP (*) sah das zunächst positiv und beauftragte Willan, eine masurische Regionalseite für die deutschsprachige Breslauer Arbeiterstimme zu redigieren. Und der brachte durch seine Kommentare und Berichte über wehrpflichtige Masuren, die nicht zum polnischen Militär einrücken wollten, weil sie sich als Deutsche sahen, eine Stellungnahme des polnischen Gerichtshofes auf den Weg. „Danach wurde niemand mehr inhaftiert, weil er seiner Wehrpflicht nicht nachkam. Auch wenn die Masuren weiter mit Einberufungen traktiert wurden, es geschah ihnen nichts“, ist Willan noch heute erstaunt über diesen Effekt seiner Artikel. Immerhin brachte die Tätigkeit bei der Arbeiterstimme Willan später in den deutschen Vertriebenenverbänden den Ruf eines Erzkommunisten ein.

Gerechte Strafe der Geschichte

Obwohl viele Masuren 1945 noch immer zweisprachig waren und manche sogar polnisch als Muttersprache hatten, führten die folgenden Jahrzehnte der Zwangspolonisierung zu einer Abstimmung mit den Füssen – Zehntausende reisten aus, so dass es heute kaum noch Masuren in Masuren gibt.

Seit 1990 macht Tadeusz S. Willan mit der Masurischen Storchenpost nun seine eigene, der Kulturarbeit verhaftete deutschsprachige Monatszeitung, was die Kollegen im polnischen Journalistenverband nicht hinderte, ihn zu ihrem Olsztyner Regionalvorsitzenden zu machen. Man rechnete es ihm als Verdienst an, dass er sich mit den Themen masurische Identität und deutsche Abstammung oder Flucht und Vertreibung sein ganzes Journalistenleben über befasste und nicht erst nach der Wende, als es gefahrlos und bequem war.

Erstaunlicher Weise war es Willan bereits 1979 gelungen, in Polen ein Buch zu veröffentlichen, das den Titel Droga przez morze – der Weg übers Meer trug und Berichte zur Flucht aus Ostpreußen 1945 sowie ein Kapitel über die Versenkung des ehemaligen KdF-Schiffes Wilhelm Gustloff im Januar 1945 enthielt. Die Novelle Im Krebsgang von Günter Grass, die sich jüngst diesem Thema zuwandte, habe in Polen viel Aufmerksamkeit errungen, meint Willan, in allen größeren Zeitungen seien Rezensionen erschienen. „Grass hat damit in Polen etwas bewegt, was für jeden anderen Schriftsteller unmöglich gewesen wäre. Seine Debatten mit den Publizisten Adam Michnik sowie dem Schriftsteller Stefan Chwin wurden landesweit vom Fernsehen übertragen.“ Dabei ging es vor allem um die These von einer „Kollektivschuld“ der Deutschen, um Flucht und Vertreibung im Jahre 1945 und um die Frage, ob das als gerechte Strafe der Geschichte für die Nazigräuel zu betrachten sei. Die Beschäftigung damit ist in Polen noch immer ähnlich fragwürdig wie die Anerkennung der deutschen Vergangenheit großer Teile des Landes. Das zeigt nicht zuletzt die kontroverse und teilweise hoch emotionale Diskussion über das geplante „Zentrum gegen Vertreibung“.

Mit Blick auf das gerade einsetzende Finale in den Beitrittsverhandlungen zur EU glaubt die Regierung in Warschau allerdings, das Thema Flucht und Vertreibung werde für keine neuen Hürden sorgen. Mag Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, auch noch so oft eine Entschädigung für enteigneten deutschen Grundbesitz fordern, man hält dem lakonisch entgegen: Es gäbe bisher kein diesbezügliches Reprivatisierungsgesetz in Polen. Und solange bei einer Reprivatisierung oder einem Vermögensausgleich nicht Polen gegenüber Deutschen privilegiert würden, könne auch niemand beim Europäischen Gerichtshof wegen Ungleichbehandlung klagen.

Die Masurische Gesellschaft ist mit ihrem Sommertreffen über den rückwärts gewandten Diskurs der Vertriebenenverbände weit hinaus gegangen „Wir wissen, dass wir aussterben und die letzten Masuren sind. Deshalb haben wir auf der Suche nach Perspektiven für unsere Kinder und Enkel den Schritt weg von der ausschließlich deutschen Minderheitenorganisation zur Öffnung für andere Nationen gewagt,“ erklärt der letzte Masure, wie Tadeusz Willan manchmal genannt wird.

(*) Polnische Vereinigte Arbeiterpartei

Erschienen in „Der Freitag“, 05.07.2002

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