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Hauptsache katholisch: Unterwegs im Ermland

Wegkapelle imd Ermland, Bertung, (Bartąg), Foto: B. Jäger-Dabek

Unterwegs im Ermland (poln.Warmia) – Kalvarien, Kirchen und Burgen. Deutsch? Polnisch? Hauptsache katholisch! Hier stellte Kopernikus das Weltbild auf den Kopf. Je nach Wunsch mit Scherpunkt Kopernikus oder mehr in Richtung kulturhistorische Sehenswürdigkeiten, unberührte Natur im Storchenland oder Geschichte dieses Landesteils, der nie ganz deutsch war und nicht ganz polnisch ist.

Zuallererst katholisch geprägt

Auch der alte pruzzische Name dieser Landschaft kann nicht darüber hinwegtäuschen: Warmia, das Ermland ist zuallererst katholisch, ob deutsch oder polnisch – vor allem katholisch, auch vor 1945.
Warmia, das Ermland ragt wie ein Keil vom Ufer des Frischen Haffes zwischen Elblag(Elbing) und Braniewo(Braunsberg) südöstlich ins Land bis hinter Olsztyn(Allenstein). Zum Ermland gehören neben der Hauptstadt Olsztyn(Allenstein) noch so bedeutende Orte wie Frombork(Frauenburg) und Lidzbark Warmiński(Heilsberg). Hier lebte Kopernikus und stellte das Weltbild auf den Kopf.

Es lohnt, sich Zeit zu nehmen und sich auf diese Landschaft einzulassen. Einfach mal anhalten, raus aus dem Auto und den erstbesten Feldweg entlang schlendern, im nächsten Wald spazieren zu gehen, in den nächsten See springen. Oder einfach da sitzen und den Wolken nachträumen am weiten, hohen östlichen Himmel, die unzähligen Störche beobachten, die Geräusche am Feldrand aufnehmen, dieses Gezirpe und Gesumme im Gebüsch, diese pralle Farbigkeit des kurzen, glühenden Sommers, die über den Straßen flirrende Sommerhitze. Dieser Eindruck von der Weite dieses rundlichen Landes,  die Ruhe und Gelassenheit die über allem liegt- all das verlangt geradezu danach die Seele baumeln zu lassen. Irgendwann bemerkt man, dass da noch etwas ist, was charakteristisch ist für diese Landschaft, die vielen Kreuze und die über 1.200 kleinen ermländischen Wegkapellen – mehr als irgendwo sonst in Europa – am Wegesrand. Sie stehen alle unter Denkmalschutz wurden meist von einheimischen Kunsthandwerkern errichtet und ausgestaltet. Sie erstanden hauptsächlich im 18. Und 19. Jahrhundert und waren meist der Gottesmutter Maria gewidmet. Auch Wegkapellen, die Glockenkapellen waren gibt es. Sie dienten als Kirchenersatz in kleinen Dörfern und so bestimmte auch dort die Glocke den Tagesablauf.

Das Fürstbistum Ermland – die katholische Enklave

Das Fürstbistum Ermland war Teil des Ordensgebietes, aber mit weitgehender Autonomie Nach den Kriegen der im Preußischen Bund zusammengeschlossenen Städte gegen den zunehmend als Fremdherrschaft empfundenen Deutsche Orden gingen mit dem zweiten Thorner Frieden von 1466 alle Rechte des Hochmeisters an die polnischen Krone über. Nach der Umwandlung des Ordensstaates in das weltliche Herzogtum Preußen im Jahre 1525 blieb das Fürstbistum Ermland als einziger ostpreußischer Landesteil katholisch und vor allem unter polnischer Oberhoheit. In der ersten Zeit war es so, dass Protestanten kein Dauerwohnrecht hatten, sie mussten für drei Tage im Jahr das Ermland verlassen, danach durften sie wieder zurückkehren, also fuhren sie für drei Tage etwa nach Zinten, so kam Zinten zu der Bezeichnung „Zinten im Ausland“.

So blieb dieses Gebiet in seiner Entwicklung relativ kompakt und einheitlich geprägt, die Gesellschaft blieb zwar offen für Zuwanderer, die waren aber fast ausnahmslos entweder katholisch oder wurden schleunigst beispielsweise durchs Heiraten assimiliert. Es liegt auch nahe, dass sich in diesem Teil Ostpreußens mehr Polen ansiedelten als anderswo.

Trotzdem war Deutsch die Verkehrssprache, wenn auch bis zum Ende 1945 noch viele Menschen vor allem im Halbkreis südlich von Allenstein zweisprachig waren und auch das „po naszamu“ genannte ermländische Polnisch sprachen, für viele war es noch immer die Muttersprache..

Bis 1772 blieb das Ermland unter polnischer Hoheit, natürlich gab es da polnische Einflüsse. Man muss sich allerdings einmal frei machen von der heutigen Sichtweise, die alles und jedes mit Nationalitätenkonflikten zu erklären versucht. Der Gedanke der Nation, das Streben ein einig Volk von Brüdern sein zu wollen und damit auch der Nationalismus sind Kinder der französischen Revolution und der Napoleonischen Befreiungskriege. Zu jener Zeit als Ermland polnisch war, blieb die Nationalität der Herrschaft dem Untertanen meist noch herzlich egal, er hatte andere Sorgen.

So waren damals Teile des Adels und vor allem der Klerus polnisch geprägt. Daher kommt es auch, dass der langjährige Bischofssitz Heilsberg als ein Zentrum polnischer Hochkultur gilt. Bekanntester Vertreter war der letzte hier residierende Bischof Ignacy Krasicki, gleichzeitig ein bedeutender Dichter Polens.

Die Nationalität war aber im Ermland ohnehin nie die integrative Kraft, es war immer die Konfession. Das Ermland war diesbezüglich sehr homogen, anders als die übrigen Landesteile in ihrer protestantischen Kofessionenvielfalt. Die Klammer war und blieb hier der Glaube, der das Leben bestimmte in dieser katholischen Enklave. Das Alltagsleben im Ermland war außerordentlich geprägt von einer tiefen Volksfrömmigkeit. Das gemeinsame Band des Glaubens erleichterte selbst in heutiger Zeit noch die Annäherung der ehemaligen und der neuen Ermländer, vereinfachte den Verständigungs- und Aussöhnungsprozess.

Prozessionen, Wallfahrtskirchen und Wegkapellen

Prozessionen und Wallfahrten waren feste Eckpunkte im Jahreslauf, damals wie heute lebendiger Beweis des Glaubens. Wallfahrten waren hier keine Frage des Einkommens , man musste ja nicht unbedingt nach Tschenstochau (Częstochowa) oder Lourdes, Dietrichswalde, Heilige Linde oder Krossen quasi um die Ecke taten es ja auch, und dahin wurde zu Fuß gepilgert. Auch für einen evangelischen Christen, der katholischer Prachtentfaltung ja etwas skeptisch gegenüber steht, ist das Erleben eines solchen Festes des Glaubens eine außergewöhnliche Erfahrung, besonders an einem Wallfahrtsort wie dem barocken Heilige Linde oder dem volsktümlicheren Dietrichswalde (Giertzwałd). Denn das hat diese tiefe Religiosität allen Menschen beschert: einige der herrlichsten Kirchenbauten der Region.

Besonders lohnend sind die Wallfahrtskirche Święta Lipka(Heilige Linde), voll barocker Prachtausstattung mit einer wunderbaren Orgel, der Dom in Frombork(Frauenburg) mit einer Akustik, die beim Orgelklang der Bachschen Toccata und Fuge den Boden vibrieren lässt, die im Gegensatz zum lichten Frauenburger Dom fast mystisch dunkle Jacobikirche in Olsztyn(Allenstein), heute Bischofssitz, die Kirchen und Anlagen der Wallfahrtsorte Gietrzwałd(Dietrichswalde) und Krosno(Krossen), das Sanktuarium in Glotowo(Glottau), das Schloss mit Kapelle in Heilsberg, die Kirchevon Wormditt (Orneta) um nur einige zu nennen.

Die ermländische Kalvarienroute

Man kann sich so eine ganze Besichtigungsroute von sehenswerten Kirchen, Wallfahrtskirchen und Sanktuarien zusammenstellen – die „ermländische Kalvarienroute“. Im Ermland herrscht da eine ungeheure Dichte, selbst kleine Dorfkirchen sind reizvoll ausgestattet und legen Zeugnis ab von der Frömmigkeit dieses Landes.

All diese Sakralbauten waren nie von dem grauen Schimmer der Trauer umweht, denn sie mutierten nicht zu Museen, Lagerhallen und ähnlichen Nutzbauten, wie im Norden des einstigen Ostpreußens. Sie wurden auch nicht wie in den andren ehemals evangelischen Gebieten Ostpreußens einer anderen, nämlich der katholischen Konfession umgewidmet. Sie bleiben, was sie schon immer waren und gingen sehr schnell in die Hände neuer Gemeinden gleichen Glaubens über, deshalb sind sie wohl so ungebrochen strahlend und erfüllt vom lebendigen Glauben.

Gerade wenn man diese geballte Dichte, die Vielzahl sakraler Bauten betrachtet, gewinnt man einen Eindruck, wie viel mehr im Ermland als in anderen Landesteilen die Religion bis in die Gegenwart das bestimmende Element des Lebens geblieben ist auch in einer längst säkularisierten Umwelt.