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Im Reich der Ameisen

Tadeusz Willan bei einem Seminar der Masurischen Gesellschaft, Foto: Brigitte Jäger-Dabek

Ein Grenzübergang zwischen Polen und Russland – Der ganz alltägliche Wahnsinn

Die Stimmung ist gereizt in der Autoschlange, jeder ist darauf bedacht nicht den Moment zu verpassen, wenn der Schlagbaum sich hebt. Mit meinem deutschen Kennzeichen bin ich ein Exot am polnischen Grenzübergang zum Kaliningrader Gebiet bei Mamonowo. Im „Reich der Ameisen“, wie die kleinen Schmuggler in Polen genannt werden, herrschen eigene Regeln und Rituale. Gewöhnliche Reisende aus Drittstaaten kommen da nicht vor.

Ständig fahren Autos von hinten heran und werden ganz harmlos am Straßenrand abgestellt. Die Fahrer steigen aus, hier ein Händedruck, dort ein Winken und unter Eingeweihten ist alles klar, denn die Hierarchie der Ameisen regelt das Vorankommen.

Hebt sich der Schlagbaum, geht das Gedränge los, die Wagen vom Straßenrand nötigen sich in Wildwestmanier dazwischen. Jetzt heißt es Gas geben, Augen zu und keinen Abstand zum Vordermann lassen. Wer hier ängstlich zurückschrickt, schlägt Wurzeln. Erst nach dem ersten Schlagbaum, wenn es zum Zollterminal geht, kommt Ruhe in die Schlange, die Reihenfolge ist festgelegt. Man kommt nach einem ersten verlegenen Lächeln ins Gespräch – aufschlussreicher sind allerdings die Unterhaltungen der Ameisen mit den Uniformierten. Bestellungen werden entgegengenommen, da wird der polnische Grenzer gefragt, an welchen russischen Kollegen man sich wegen eines kleinen „Problems“ wenden und ob man sich gerade heute nach dem Befinden des Schichtleiters erkundigen soll – niemand schert sich darum, wer so alles mithört.

Drei Grenzübergänge gibt es zwischen der Russischen Föderation und Polen, alle liegen sie in der Wojewodschaft Warmia i Mazury, dem Armenhaus Polens. Hier schmuggeln, handeln und kombinieren die Menschen aus Not, nicht aus Habgier. Bei über 33 Prozent liegt die Erwerbslosigkeit in den polnischen Kreisen entlang der Grenze zum Kaliningrader Gebiet, und die Lage wird immer dramatischer, gibt es doch bereits Orte, in denen fast die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung nur noch von „Kuroniowka“, der polnischen Sozialhilfe, lebt. Schuld daran ist vor allem die Strukturschwäche der Region, allein mit dem Kollaps der Staatsgüter gingen im vergangenen Jahrzehnt 40.000 Arbeitsplätze verloren. Nirgendwo in Polen arbeiten mehr Menschen in der Landwirtschaft als hier, nirgendwo sind die Höfe mit durchschnittlich gerade sechs Hektar kleiner als hier und nirgendwo gibt es weniger Arbeitsplätze außerhalb von Hof, Stall und Schlachtbetrieb.

Was den Menschen bleibt, ist die Schattenwirtschaft. Selbst Wojewodschaftsmarschall Andrzej Rynski gibt zu, dass der Schmuggel von Wodka, Zigaretten und Brennstoffen für viele in den Grenzkreisen die einzige Verdienstquelle ist. Zehntausende würden ihren Unterhalt damit bestreiten, mehrmals täglich Waren über die Grenze zu schleusen, um am Verkauf zu verdienen.

Von diesem Markt profitieren nicht nur Schmuggler, sondern fast alle hier – kaum ein Bauer, dessen Trecker keinen russischen Diesel fährt, kaum jemand, der nicht russischen Wodka trinkt oder russische Zigaretten raucht. Unter der Hand zeigen sich selbst polnische Ladeninhaber wie Stanislaw Sagorski aus dem Städtchen Bartoszyce zufrieden. Jeder habe „seinen Russen“, der die Ware ins Haus bringe, gibt er zu. Die russische Kundschaft gebe außerdem in Bartoszyce gern so manchen frisch verdienten Zloty wieder aus für Waren, die in Russland schlecht zu bekommen oder recht teuer seien.

Im „Speicher“ von Bagrationows-Bezledy

Als Hauptumschlagplatz des russisch-polnischen Warentransfers – sowohl des legalen wie auch des illegalen – dient der Grenzübergang Bagrationows-Bezledy bei Bartoszyce. Ihn passieren pro Jahr über eine Million Personen- und über 70.000 Lastkraftwagen. Tendenz steigend, denn nur hier – nur in Bagrationows-Bezledy – werden LKW abgefertigt. An diesem Grenzabschnitt könnte man vergessen, mitten in Europa zu sein. Kurz vor Bagrationowsk leiten russische Polizisten den Verkehr von der Straße auf einen riesigen Warteplatz. Ordentlich aufgereiht stehen fünf Schlangen überwiegend polnischer Autos nebeneinander – der berüchtigte Vorspeicher, von den Polen auch „Patelnia“ – Bratpfanne – genannt.

Als deutsche Nichtameise muss man sich nicht anstellen, sondern kann ganz rechts auf der Standspur zum nächsten Kontrollposten vorziehen. Schilder, auf denen stehen könnte, was hier eigentlich zu tun und zu lassen ist, gibt es nicht. Wer aus Mangel an Sprachkenntnissen nicht fragen kann, setzt Moos an. Ein russischer Truckerfahrer lächelt schulterzuckend und verständnisvoll aus seiner Kabine: „Eta Rossija“ – das ist Russland – sicher, aber Geduld hilft nicht viel. Man muss nerven, bitten und irgendwann freundlich, aber bestimmt verlangen, ohne allzu üppige „Spenden“ an Grenzer und Zöllner zum Schlagbaum vorrücken zu wollen.

Bis zu 70 Stunden werden in Bagrationows-Bezledy zahlungsunwillige Polen mitunter „gespeichert“ – doch ohne Dollar geht hier gar nichts.

Wieder ist es ein russischer Lkw-Fahrer, der mit den Armen rudernd angelaufen kommt und mir erklärt, Deutsche müssten nicht warten, ich solle gleich bis zum Zaun fahren. Das Beschämende ist, dass er überhaupt keinen Anstoß daran zu nehmen scheint, sondern es offenbar unabänderlich findet, dass manche eben warten und manche nicht. Tatsächlich gerate ich, ohne aufgehalten zu werden, direkt an den Zaun, hinter dem der Abfertigungsterminal liegt. Es folgt eine knappe Stunden, in der absolut nichts geht, weil die Schlange vom polnischen bis zum russischen Zaun zurückreicht. Entgegenkommende Busse und Lastkraftwagen zwängen sich durch die Blechlawinen, Schreierei – die Nerven liegen blank, das Niemandsland ist restlos überfüllt, doch irgendwie entspannt sich die Situation. Viele Fahrer steigen aus, halten ein Schwätzchen, man kommt schnell ins Gespräch.

In der Karkasse eines polnischen Fiats

Anna Boguslawska ist eine resolute, lebhafte Frau um die 50 und nun schon seit fast drei Jahren ohne Arbeit. „Mein Mann ist Chef eines kleinen Supermarktes, in seiner Position würde man bei euch in Deutschland bald das Achtfache verdienen. Dafür sind die Preise bei uns inzwischen wie im Westen – stimmt doch, oder?“

Tatsächlich sind mittlerweile in Polen die Preise für Kaffee, Wodka, Waschmittel und manch andere Konsumgüter teilweise sogar höher als in Deutschland. Die beiden Töchter würden zur Zeit in Olsztyn studieren, erzählt Anna weiter, das koste etwa mindestens 1.000 Zloty zusätzlich im Monat, Vom Gehalt ihres Mannes allein lasse sich das nicht bestreiten, deshalb sei sie eben auch in den „kleinen Grenzverkehr“ eingestiegen.

„Jobs für 500 Zloty im Monat hat man mir schon angeboten“, empört sich Anna. „Dazu hätte ich dann auch noch weit fahren sollen. Kann mir irgendjemand erklären, wie sich das rechnen soll? Natürlich als ausgebildete Bauingenieurin könnte ich in Warschau wahrscheinlich noch Arbeit finden, da bauen sie wie verrückt und würden gern auch Leute wie mich nehmen. Aber hier? Masuren ist tot – aber wir können doch nicht alle weggehen …“ – Arbeitslosengeld bekommt Anna Boguslawska schon lange nicht mehr, so wurde sie Kleinschmugglerin. Mindestens viermal im Monat fährt sie über die Grenze. Auf meine Frage, ob sich das denn lohne, zögert sie mit einer Antwort. Etwas bleibe schon übrig von ihren Geschäften, aber die Nebenkosten seien doch gewaltig gestiegen in letzter Zeit. Zu diesem Zeitpunkt warte sie bereits seit zehn Stunden auf die Passage. Sie habe schon an der richtigen Stelle geschmiert, aber nicht den Expresszuschlag, sondern nur den normalen. „Der ist verschieden, manchmal fünf Dollar, manchmal auch zwanzig, das hängt davon ab, was der Zöllner gerade kaufen will. Das ist schon entwürdigend, diese dauernde Erpressung … „

Regelmäßig tauschen die russischen und polnischen Behörden wechselseitige Klagen über Menschenrechtsverletzungen, Willkür und Korruption aus, aber nichts ändert sich. Auf die Frage nach ihrer Zukunft reagiert Anna skeptisch. Was passiert, wenn diese Region eine EU-Außengrenze durchzieht? Dann sei es mit dem „kleinen Grenzverkehr“ wohl vorbei, meint sie abgeklärt, die hohen Visa-Kosten werde man kaum aufbringen können. Deshalb sei und bleibe sie eine Gegnerin der EU. Wie im Übrigen viele Menschen in dieser Wojewodschaft, die Ende September der Bauernliga Samoobrona wie auch der nationalistisch-katholischen Liga Polnischer Familien bei den Sejmwahlen beste Ergebnisse bescherte.

Inzwischen passieren erstaunliche Dinge unter den Augen der russischen und polnischen Grenzer. An einem Maluch, dem kleinen polnischen Fiat, wird heftig am Reservereifen „gearbeitet“. Mengen von Zigaretten und Schnaps in der schlauchlosen Karkasse verstaut, dann ist der Raum hinter der Türverkleidung dran. Ganze Ketten von Ameisen schleppen Nachschub aus dem zollfreien Laden zu den Wagen. Ein großer, schlanker Mann steigt aus einem grauen Vectra, zieht sein Hemd aus und streift eine mit einem Dutzend länglicher Taschen versehene Weste über. Ein Mitfahrer steckt in jede der Taschen eine Stange Zigaretten und hilft seinem nun recht rundlichen Partner ins Hemd. Dann öffnet sich der Zaun, drei Dutzend Autos werden zur polnischen Abfertigung vorgelassen. Der Zoll lässt die Kofferräume öffnen, stochert mal hier ein wenig, wühlt dort etwas herum und findet nirgendwo etwas. Den Vectra und den Maluch habe ich im Auge. Bei beiden wird genau dort gesucht, wo garantiert nichts zu finden ist.

Erschienen in „Der Freitag“, 14.12.2001

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