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Ermland und Masuren: Im Land der Störche

Störche in der Familienplanung, Foto: B. Jäger-Dabek

Es ist kein Werbespruch für traumverlorene ländliche Idyllen, tatsächlich ist die im Nordosten Polens gelegene Woiwodschaft Ermland und Masuren noch immer das Land der Störche. Dort werden nämlich die weitaus meisten aller rund 100.000 „polnischen“ Störche geboren und nehmen als erwachsene Vögel  dort ihren Hauptwohnsitz.

Um die vielen Seen und Flüsse, vor allem aber in den Regionen entlang der Grenze zum russischen Kaliningrader Gebiet findet Kalif Storch oder Meister Adebar, wie die Spezies Ciconia ciconia in Märchen und Erzählungen genannt wird, beste Lebensbedingungen. Für die Kulturfolger ist der Tisch reich gedeckt mit Feuchtgebieten, die im Frühjahr auch einmal überschwemmt werden, dazu einen Mix von brachliegenden Feldern und frisch gemähten Wiesen, auf denen die Schreitvögel majestätisch gelassen hinter den Traktoren hergehen und mit ihrem 20 cm langen Schnabel, der nur bei erwachsenen Vögeln rot ist, Köstlichkeiten für sich und die Jungen aufpicken. Störche sind auf Kulturlandschaften angewiesen, denn auf ungemähten Wiesen mit hohem Gras finden Sie ihre Nahrung nicht, auf frisch gepflügten Äckern und gemähten Wiesen finden sie hingegen reichlich Mäuse, Frösche, Maden, Käfer für sich und ihre Nachkommenschaft, auch Ratten und Fische bereichern den Speisezettel. Wie gut das Nahrungsangebot im einstigen Ostpreußen noch immer ist, zeigt sich auch an der Zahl der Jungen im Nest: zwei sind es immer, oft sieht man sogar drei kleine über den Nestrand blicken.

Diese Nester werden niemals wirklich fertig, Jahr für Jahr wird von den Störchen daran gewerkelt, ausgebaut und erweitert, bevor die Familienplanung klappernd in die Tat umsetzt und die nächsten Jungstörche großgezogen werden. Im April, bei warmem Wetter auch schon im März, kehren die ersten Störche aus dem Süden heim, zuerst die Männchen, die denn Standort sichern, dann die Weibchen und bald klappert es im ganzen Dorf von den Dächern. Die Menschen sind gerührt, die Störche sind da, der Sommer kommt! Doch für die Störche, die so majestätisch als Segelflieger die Thermik nutzend scheinbar mühelos durch die Luft schweben und die Nähe der Menschen suchen, ist das Leben gefährlich: Aus hundert gelegten Eiern erreichen nur 15 Störche das Fortpflanzungsalter. Sie sind dann drei oder vier Jahre alt und kehren erstmals aus dem Winterquartier in ihre Geburtsregion zurück.

Storcheneier sind nur etwa doppelt so groß wie Hühnereier. Storchenvater und Storchenmutter brüten abwechselnd. Nach etwa 30 Tagen schlüpfen die jungen Störche und verlassen nach weiteren 60 Tagen das Nest, sie sind dann flügge. Ausgewachsene Weißstörche sind dann zwischen 80 und 100 cm lang, ihre Flügelspannweite beträgt rund zwei Meter, sie wiegen je nach Ernährungszustand zwischen zweieinhalb und viereinhalb Kilo. Nur bei erwachsenen, geschlechtsreifen Störchen sind Schnabel und Beine rot, bei Jungstörchen sind sie schwarz.

Polens Störche folgen Ende August auf ihrem Zug in den sonnigen Süden der Ostroute über den Balkan, die Türkei, überqueren den Bosporus, fliegen über den Iran und den Irak nach Ägypten, wo sie dem Nil südwärts folgen und in Südafrika ihr Winterquartier nach drei Monaten 10.000 Flugkilometern erreichen. Dabei legen sie bis zu 500 Kilometer täglich zurück. Übers Mittelmeer können sie nicht fliegen, denn dort herrscht keine Thermik, die Störche aber brauchen zum Fliegen die warmen Aufwinde.

Noch hält sich der Vormarsch der modernen Landwirtschaft in der abgelegenen Region Ermland-Masuren in Grenzen, noch beherrschen keine Monokulturen auf tausenden von Hektar großen Flächen das Bild, noch werden kaum Feuchtgebiete trockengelegt und auch der in Ermland und Masuren weit unterdurchschnittliche Einsatz von Pestiziden bedrohen nicht die Lebensgrundlagen der Vögel.

Kein Wunder also, dass es an der 150 Kilometer langen Storchenroute entlang der Grenze zum Kaliningrader Gebiet Dörfer gibt, in denen mehr Störche leben, als Menschen, zehn Dörfer dürfen sich dort Storchendorf nennen.

Lesen Sie mehr über die Störche in Ermland und Masuren, die sich um Grenzen nicht scheren:

Żywkowo, das Storchendorf an der russischen Grenze